Wir wollen gar nicht faul sein

Artikel, die unser kapitalistisches System kritisieren, häufen sich in letzter Zeit. So habe ich vergangenen Freitag im SZ-Magazin zum Beispiel das Interview mit der Soziologin Cornelia Koppetsch gelesen. Die Überschrift lautete: „Freiheit ist kapitalistischer Mainstream.“ Da dachte ich zuerst: Das hoffe ich doch, schließlich ist freies Unternehmertum die Basis unserer sozialer Marktwirtschaft. Allerdings bezog sich der Titel, wie ich dann herausfand, auf die Forderung der Arbeitgeber an die Arbeitnehmer eigenverantwortlich zu handeln. Was ich persönlich erst einmal gut finde, weil ich mich als mündig betrachte und selbstständig denken und handeln kann.

Und der Begriff des Unternehmensbürgers ist ja schon häufiger in der Debatte um New Work gefallen. Es gibt mehr und mehr Unternehmen, zumeist junge und kleinere Firmen, die auch tatsächlich mit modernen Formen der Partizipation experimentieren und Verantwortung der Mitarbeiter einfordern. Klar, das ist nicht jedermanns Sache und natürlich ist eine solche Entwicklung nicht ohne Risiken für die Beschäftigten, aber sie bringt eben auch Chancen mit sich und – ja, vielleicht sogar mehr Zufriedenheit, weil man sich mehr einbringen kann und nicht Entscheidungen anderer erdulden muss. Es birgt die Chance, dass Arbeit, Sinn stiftet. Und diese Sinnstiftung ist bei vielen, die ich kenne, mit einer gewissen Autonomie verknüpft. Deshalb bin ich auch über den Satz von Cornelia Koppetsch erschrocken, dass wir nicht mehr frei sein möchten, „wir möchten Tradition. Sicherheit. Etwas, was bleibt.“ Nach Sicherheit zu streben, ist nachvollziehbar. Aber man sollte nicht allzu sehr auf sie vertrauen, sondern lernen mit Unsicherheit und Veränderungen umzugehen sowie in die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen Zeit investieren. Das kann auch Sicherheit erzeugen, eine Sicherheit, die aufgrund des Vertrauens in das eigene Selbst entsteht.

Die Arbeitsbedingungen sind das Problem

Da hilft es ebenfalls sehr, wenn ich von dem, was ich (beruflich) tue, überzeugt bin und Spaß an der eigenen Arbeit habe. In der heutigen Wissensgesellschaft sind das nicht wenige. Patrick Spät kennt solche Leute vermutlich nicht. Der Philosoph und Journalist hat auf Zeit Online ein Loblied auf die Faulheit geschrieben, der sehr viel Aufmerksamkeit bekommen hat: mehr als 1300 Empfehlungen bei Facebook. Keine Frage: Die Kapitalismus-Kritik trifft einen Nerv. Und das aus gutem Grund: die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen ist das eine. Dass das Verteilungsproblem trotz Wachstums eher größer als kleiner wird, ist ein anderer Kritikpunkt, der angebracht werden muss.

Doch bei aller Sympathie für den charmanten Text von Patrick Spät, kommt der Artikel doch 20 Jahre zu spät. Er geht scheinbar von einem Arbeitsbegriff aus dem Industriezeitalter aus, wenn er schreibt, dass das Ziel jeder Arbeit Faulheit ist. Was natürlich Quatsch ist. Die meisten sind nicht für die Faulheit gemacht. Arbeit gibt vielen Menschen Struktur im Leben und bringt ihnen Wertschätzung. Manche identifizieren sich mit ihr. Eine Menge Menschen haben tatsächlich Spaß an ihrem Job, gerade unter den Selbstständigen. Gibt es unter ihnen so was wie Selbstausbeutung? Sicherlich. Aber viele würden auch nicht tauschen wollen, weil sie selbstbestimmt arbeiten.

Nicht wenige sind sicherlich der Arbeit überdrüssig, sind gestresst, bewegen sich im Hamsterrad, arbeiten tatsächlich einfach zu viel. Aber das liegt nicht an der Arbeit selbst in der Regel, sondern daran, wie sie organisiert wird. Meine Erfahrung ist, dass die Gründe für den Frust mit der Arbeit (und vielleicht der Wunsch nach Faulheit) in den Arbeitsbedingungen zu suchen sind, in Prozessen und Führung. Die Leute sind genervt von Reports mit kurzen Deadlines, ständigen Meetings, bei denen nichts herauskommt und Führungskräften, die keinerlei Freiraum geben. Sie bewegen sich in der Mitte der Hierarchieebenen und wissen nicht, ob ihr Tun einen Unterschied macht.

Grundsätzlich gilt: Der Mensch will was tun. Und schön, wenn es etwas ist, das Sinn ergibt.

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