Kollaboration statt Wettbewerb

Erleben wir gerade in der Unternehmenslandschaft den Wandel von der kompetitiven zur kollaborativen Kultur? Ich würde sagen, in vielen Bereichen der Wirtschaft fängt die Veränderung der Kulturen an, ja.

In der vergangenen Woche war ich auf dem Deutschen Vergütungstag und habe einen Vortrag von Michael Kramarsch von hkp gehört, einem der bekanntesten Vergütungsexperten im deutschsprachigen Raum. Unter anderem erwähnte er die derzeit große Diskussion rund um individuelle Boni, die hierzulande gerade herrscht. Seiner Ansicht nach ist die Frage, ob man individuelle Boni geben will, sekundär. Entscheidend sei, dass man in seinen Vergütungsleistungen zwischen den Mitarbeitern differenziert. Heißt: Der Leistungsträger will, ob mittels Boni oder Grundgehalt, dass seine Leistung wertgeschätzt wird und sich dies im Vergleich zu den Kollegen widerspiegelt. Und dann zog Kramarsch eine Parallele, die mich irritierte. Er sagte sinngemäß, dass es wie bei der Formel eins sei, da würde halt auch einer als erstes durchs Ziel fahren.

Kein Wort von Kollaboration und die Möglichkeit, Kulturen zu verändern. Ich glaube, dass der Wunsch nach Differenzierung tatsächlich groß ist bei vielen Menschen. Wir kennen das aus der Schule – zumindest aus früheren Zeiten. Wenn alle eine eins haben, ist die eigene eins nicht so viel wert.

Der Mensch vergleicht sich gerne. Aber wenn man den Vergleich zur Formel eins zieht, dann könnte man ja sogar die Forced Distribution gutheißen. Nach dieser müssen Vorgesetzte bei der Beurteilung ihrer Mitarbeiter  eine vorgegebene Verteilung beachten, nach der es immer einen bestimmten Anteil beispielsweise von High Performern und Low Performern gibt – auch wenn alle supergut sein sollten. Ein solches Vorgehen stachelt natürlich den Wettbewerb untereinander an. Das Unternehmen will, dass jedes Individuum das Beste aus sich herausholt.

Man hätte statt zur Formel eins auch den Vergleich zum Fußball ziehen können. Bayern München hat nur Top-Spieler, zumindest die ersten Elf sind die Besten auf ihrer jeweiligen Position. Ein Ranking von Bayern-Spielern würde keinen Sinn machen.

Das Bedürfnis der Menschen nach Differenzierung mag da sein. Wenn ich aber in einem Projekt oder in einem Team mit völlig unterschiedlichen Spezialisierungen bzw. Professionen arbeite, kann ich mich auch nicht vergleichen. Der Redakteur und der Webentwickler brauchen einander, um eine gute Nachrichtenwebseite auf die Beine zu stellen. Wer „besser“ ist, spielt keine Rolle.

Die individuellen Boni geraten völlig zurecht unter Druck, weil sie dafür sorgen, dass der Einzelne sich zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Wer erfolgreich sein will zukünftig, muss jedoch fähig sein, in Netzwerken zu denken und zu handeln – das gilt sowohl für Individuen als auch für Organisationen. Im Fokus steht das interdisziplinäre Team und seine Arbeit für den Kunden.

Bei Bosch kann man diesen Wandel gerade gut beobachten. Das Unternehmen wird zukünftig bei Führungskräften auf die Incentivierung individuell vereinbarter Ziele verzichten. Stattdessen erhalten sie einen Bonus, der den weltweiten Erfolg der Bosch-Gruppe und den Erfolg der Einheit, in der sie arbeiten berücksichtigt.

Bosch setzt einige Zeichen in Richtung einer kollaborativen Kultur. So gibt es seit 2013 eine Startup-Plattform, in der innerhalb des Konzerns, aber fernab von dessen Strukturen und Prozessen, schneller und flexibler als im Rest des Unternehmens gearbeitet werden kann. Zudem verfügt Bosch über mehrere Innovationsplattformen, die die Kooperation mit Kunden forcieren und mit denen man sich zum Beispiel für das Thema Open Innovation öffnet.

Innerhalb des Konzerns nutzt man als Social-Collaboration-Plattform IBM Connections (Bosch Connect) – und das mit wachsendem Erfolg. Es gibt auf der Plattform mehr als 20.000 aktive Communities. Die kollaborative Kultur wird gewollt, individuelle Boni würden auf dem Weg dorthin nur bremsen.

Bosch hat mit der Abschaffung der individuellen Boni für Führungskräfte einen Paukenschlag gesetzt. Im Übrigen kann man heute auch in vielen Schulen sehen, wie Kollaboration statt Wettbewerb gefördert wird. Mein Sohn ist gerade in die Schule gekommen und dort lernt er mit Zweit- und Drittklässlern in einer gemeinsamen Klasse. Jeder lernt nach seinem Tempo und die Größeren helfen den Kleineren. Mein Sohn hat sogar drei ältere Mentoren. Noten gibt es noch keine. Er wird hoffentlich in seinem weiteren Weg nicht mehr so sozialisiert wie ich früher, nämlich nur auf die eigenen Noten zu schauen und sich mit anderen zu vergleichen.

Und wer guckt eigentlich noch Formel eins?

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