Die pure Inspiration


(Anmerkung: Diese Glosse ist zuerst im Magazin Human Resources Manager 2015, Heft 6 erschienen)

Der Job des Chefredakteurs eines Magazins für Human Resources Management ist auch deshalb so schön, weil man jeden Tag etwas dazulernt. Und schnell habe ich verstanden, dass man vieles von dem Wissen rund um HR und Leadership auf das private Leben anwenden kann. Das hilft ungemein.

Als Familienvater bin ich zu Hause ja quasi auch Führungskraft und es versteht sich fast von selbst, dass ich Modelle und Instrumente, die ich im Rahmen meiner Arbeit kennenlerne, in der Erziehung meiner Söhne anwende.

Lernen mit Kotter

Beispiel: mehr Sauberkeit in der Wohnung. Bei diesem Thema haben sich John Kotters acht Schritte zum Veränderungserfolg bewährt. Ich erwähne hier mal Schritt 1: Ein Gefühl der Dringlichkeit erzeugen. Das ist bei meinem sechsjährigen Sohn gar nicht so einfach. Denn ein Satz wie „Das geht so nicht, dein Zimmer sieht schlimm aus“, erzielt keine Wirkung, weil die Wahrnehmung unterschiedlich ist und man so eigentlich kein Feedback gibt. Nach Rosenbergs Konzept der gewaltfreien Kommunikation könnte ich also eher sagen: „Ich habe beobachtet, dass dein Zimmer unordentlich ist. Wir haben das anders vereinbart. Das macht mich traurig. Ich möchte dich bitten, dein Zimmer nun aufzuräumen.“ Klingt schlau, funktioniert aber auch nicht. Was aber geht, ist: „Wenn du jetzt nicht aufräumst, darfst du drei Tage kein Fernsehen.“ Manche würden das Erpressung nennen. Dabei betone ich lediglich die Dringlichkeit und mache sie auch für meinen Sohn deutlich. Ihm wird dadurch klar, wie ernst die Lage ist. In einem zweiten Schritt suche ich Verbündete, die veränderungsbereit sind in Bezug auf mehr Sauberkeit in der Wohnung. Das ist in der Regel meine Frau. Es können bei anderen Themen aber auch meine Söhne sein, wenn es zum Beispiel um eine Sache geht wie Fernsehen gucken während des Abendessens oder so. Die Schritte drei und vier sind dann die Entwicklung und die Kommunikation einer Vision („Tolle Wohnung, in der man vom Boden essen kann und nie mehr über Spielzeug stolpert.“). Die weiteren Schritte sind danach Selbstläufer.

Intellektuelle Stimulanz

In Sachen Führung halte ich mich an das Modell der Transformationalen Führung. Ich bin Vorbild zuhause, inspiriere meine Frau und die Kinder täglich aufs Neue, gebe geistige Anregungen und behandle alle sehr individuell. Manchmal bin ich mir jedoch nicht so sicher, ob alle Familienmitglieder das so sehen. Meine intellektuelle Stimulanzen werden von meinen Söhnen zum Teil kritisch betrachtet: „Papa, das ist doch Quatsch, was du sagst.“ Sie sind beide Verfechter von mehr Demokratie im System.

Natürlich gibt es bei uns auch eine ordentliche Leistungsbeurteilung. Anhand verschiedener Dimensionen wie „Freundlichkeit“, „Schule“ oder „Hilfe im Haushalt“ sowie einer neunstufigen Skala bewerte ich meine Kinder einmal im Quartal, damit sie wissen, wo sie stehen und wo sie sich verbessern müssen. Dieser Prozess läuft jedoch nicht so reibungslos wie ich mir das wünschen würde, weil sie das Feedback nicht einfach ohne Widerspruch annehmen. Sie leisten Widerstand. Kürzlich haben sie angefangen selbst Bewertungen durchzuführen. Ich wurde als Minderleister eingestuft.

Agile Kultur

Das große Projekt für die nächsten Jahre wird – Sie können es sich denken – die Einführung einer neuen Kultur zuhause, eine Kultur, die geprägt ist von Agilität, Veränderungsbereitschaft und Eigenverantwortung. Es ist klar, dass das eine lange Reise ist. Ein Kulturwandel ist immer schwierig und langwierig. Wir wissen ja nach Edgar Schein, dass man auf der Ebene der Artefakte schnell mal was ändern kann, also an der Oberfläche. Da geht auch schon einiges in die richtige Richtung bei uns. Die Kinder müssen ihren Teller nach dem Essen in die Küche bringen und dürfen während des gemeinsamen Essens nicht mehr einfach aufspringen und „Scheiße“ rufen. Auch mit Essen werfen, ist verboten. Anderenfalls gibt’s ne Strafe.

Doch die echte Arbeit kommt noch. Ich muss an die Werte und die Grundannahmen ran. Meine Kinder müssen aus Überzeugung handeln. Und Verhaltensweisen, die im Einklang mit Werten wie Eigenverantwortung und Respekt sind, müssen zu Selbstverständlichkeiten werden, die keiner hinterfragt. Da ist noch viel Arbeit zu leisten.

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