„Gute Lehrer sind Schatzsucher, nicht Defizitnachweiser“

An den meisten deutschen Schulen läuft einiges schief: Die jungen Leute werden mit Wissen voll gestopft, anstatt sie zu Persönlichkeiten zu entwickeln, die fähig sind eigeninitiativ zu lernen. Das Problem ist auch für die Wirtschaft relevant. Denn der Grundstein für die notwendigen Kompetenzen in der Arbeitswelt von morgen, wird in den Schulen gelegt.

Wenn man sich den Unterricht in vielen Schulen anschaut, muss man erschrecken. Es gibt leider zu viele Lehrer, die frontal seit Jahren den fast immer selben Stoff runterbeten; die nicht in der Lage sind, wirklich auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler einzugehen, einfach weil sie die Ressourcen nicht haben, und manchmal auch nicht mehr die Motivation. Es entstehen keine echten Beziehungen zwischen Lehrer und Schülern. Die Schulcurricula haben sich in den vergangenen Jahren zu wenig geändert. Wir bereiten die Kinder und Jugendlichen nicht auf das Leben vor, einem Leben, das von Dynamik und häufig von Unsicherheit geprägt ist. Und ich bin mehr und mehr der Meinung, dass Schulnoten kontraproduktiv sind, weil sie den Fokus und die Motivation der Schüler negativ beeinflussen können. Beurteilungen in Form von Noten setzen Menschen schon in jungen Jahren einer Wettbewerbssituation aus, die viele frustriert.

Viele Defizite in Schulen lassen sich auch in der Unternehmenswelt entdecken. Was wir in Zukunft brauchen, sind Mitarbeiter, die Verantwortung übernehmen, die Eigeninitiative zeigen und fähig sind, immer wieder Neues zu lernen. Die mit Freiraum umgehen können. Das lernen viele erst mit den Jahren im Job.

Einsatz für eine andere Art von Schule

Der Grundstein für Persönlichkeit wird schon in den Schulen gelegt. Kürzlich habe ich dazu mit der Bildungsinnovatorin Margret Rasfeld gesprochen, die sich unermüdlich für zeitgemäßere Schulen einsetzt. Sie sagt:

Unternehmen und Schule stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Moderne Unternehmen fokussieren sich zunehmend auf den Menschen und seine Potenziale, und sie verabschieden sich von Top-Down-Kulturen. Wertschätzung und Beziehungen werden wichtiger. Auch Schulen müssen sich in diese Richtung verändern. Es geht insbesondere um Potenzialentfaltung und das Vertrauen in die Schüler. Lehrer müssen heute loslassen können, Abschied nehmen davon, alles kontrollieren und steuern zu wollen. Sie müssen sich auf Veränderungen einlassen, deren Ausgang sie nicht voraussehen können. Das gilt auch für Mitarbeiter und Führungskräfte in Unternehmen.

Margret Rasfeld hat an ihrer Schule, der Evangelischen Schule Zentrum Berlin, Erstaunliches erreicht. Die Schüler dort sind sehr selbstständig, sie haben einen Lehrer als Coach und es gibt Fächer wie Herausforderung und Verantwortung. Es gibt keine Selektion in Gewinner und Verlierer. Sie ist auch der Meinung, dass Lehrer Führungskräfte sein müssen und sie sagt: „Gute Lehrer sind Schatzsucher und nicht Defizitnachweiser.“ Das sollte auch für Führungskräfte in der Wirtschaft gelten.

Foto: Julia Nimke

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Ein Gedanke zu „„Gute Lehrer sind Schatzsucher, nicht Defizitnachweiser“

  1. Lukas

    Sehr guter Artikel und die Sichtweise kann ich nur teilen. Es dürfte wohl kein Zufall sein, dass sich Eltern immer öfter für Privatschulen entscheiden, sofern das Budget dies erlaubt. Der Frontalunterricht mit gleichen seit Jahrzenten heruntergespulten Inhalten fördert eben nicht die Stärken jedes einzelnen Schülers und lässt sie nicht optimal ihre Interessensgebiete ausschöpfen. Noten sehe ich ebenso eher als Hindernis für die Motivation, denn nicht jeder Schüler ist ein Allroundtalent und so werden nicht selten Karrierewege aufgrund eines hohen NCs verbaut, weil zwei, drei Fächern die Gesamtnote verschlechtern. Auch der Praxisbezug gerade mit Hinblick auf die digitalen Medien und die Einbeziehung in den Unterricht kommt noch viel zu kurz. Oftmals haben zum Beispiel nicht nur Praktikanten aus Schule oder Studium sondern auch Berufseinsteiger keinerlei Erfahrung mit digitalen Präsentationen und müssen sich dies dann selbstständig aneignen.

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