Keine Menschen mehr beurteilen

Mehr und mehr Unternehmen bauen ihr Performance Management um. Vor allem Mitarbeiterbewertungen werden dabei in den Fokus genommen. In der Wirtschaft vollzieht sich dadurch ein Kulturwandel.

Wir erleben gerade einen tiefgreifenden Wandel in den Unternehmen im Allgemeinen und des HR-Bereichs im Speziellen. Doch während die meisten über Themen wie die große Digitale Transformation, die Digitalisierung von HR und Social Media im Personalmarketing diskutieren, bekommt meiner Beobachtung nach die wahre Revolution noch nicht genügend Aufmerksamkeit. Die Rede ist vom Performance Management. Das Herz der Veränderungen. Okay, dass das nur einmal jährliche Mitarbeitergespräch nicht mehr so richtig zeitgemäß ist, hat sich herumgesprochen.  Doch der Wandel, der nötig ist – und der sich gerade Stück für Stück vollzieht – geht viel weiter und rüttelt an grundsätzlichen, bislang unantastbaren Annahmen. Welches Menschenbild herscht im Unternehmen? Wie verhält es sich mit der Motivation? Es geht um solche grundlegenden Fragen. Und die Antworten darauf verändern Unternehmen und ihre Kulturen massiv.

Auf dem Personalmanagementkongress habe ich während meines Vortrags zu Social Collaboration die Frage an das Publikum gestellt – ich schätze es waren etwa 150 Teilnehmer – wer von den Anwesenden mit dem Performance Management in seinem Unternehmen zufrieden ist. Gemeldet hat sich: niemand.

So ziemliche alle Unternehmen basteln derzeit an Beurteilungs- und Vergütungssystemen – oder haben es vor. Die Unzufriedenheit ist groß:

  • Zu viel Willkür bei der Leistungsbewertung
  • Individuelle variable Vergütung atmet nicht und setzt die falschen Anreize
  • Die vorgegebene Normalverteilung in Bezug auf Beurteilungen ist realitätsfern
  • Feedback ist zu selten und findet nur top-down statt

Das sind nur Beispiele. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Manche Unternehmen haben schon einiges verändert. Bosch zum Beispiel hat die individuellen Boni abgeschafft.
Dasselbe gilt für Unitymedia, die auch keine Bewertungen mehr, beispielsweise in Form von Noten, vornehmen.
Auch SAP geht diesen Weg. Ab 2017 soll es keine jährlichen Benotungen mehr geben, von denen leistungsbezogene Gehaltsanteile abhängen.

Mitarbeiterbewertungen anhand irgendwelcher Skalen richten in der Regel mehr Schaden an, als dass sie nützen, weil sie zu oft die Mitarbeiter demotivieren, und HR eine Menge Zeit kosten. Denn was passiert in den meisten Fällen? Der Vorgesetzte vergibt eine schlechte Bewertung (nach einer ausufernden Kalibrierung), ohne dass er die Leistung so richtig beurteilen könnte (und die anderen Führungskräfte auch nicht) und beim Mitarbeiter geht der Rollladen runter, er macht dicht und nimmt nichts mehr auf. Karl-Heinz Reitz von Unitymedia sagt:

Niemand soll mehr auf eine Note reduziert werden. Wenn jemand eine Eins bekommt, erwartet er oder sie mehr Geld oder eine Beförderung. Bei einer Fünf ist die Motivation dahin und der Mitarbeiter befürchtet eine Entlassung. Wenn jemand eine Drei erhält, ist er oder sie Mittelmaß. Wer will Mittelmaß sein? Niemand. Die Leute wollen in ihrer Individualität und Persönlichkeit wahrgenommen werden.

GE, Adobe, Accenture und Deloitte gehen ebenfalls neue Wege und legen den Fokus mehr auf die Entwicklung des Mitarbeiters sowie Feedback in kürzeren Abständen.
Ich bin mir sicher, dass noch viele Unternehmen folgen werden – auch wenn die Unsicherheit noch groß ist, wie es weitergeht.

(Foto: Thinkstock)

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