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Manager sollten politischer werden

Jahrelang haben sich Unternehmensvertreter bemüht, sich aus politischen Themen herauszuhalten. Das geht nicht mehr. Wenn es um die Frage geht, wie man die gesellschaftliche Polarisierung stoppen kann, sind ihre Ideen und Anregungen gefragt.

Mehr und mehr Manager wagen sich aus der Deckung und vertreten Positionen in gesellschaftlichen beziehungsweise politischen Debatten. Das war früher kaum denkbar. Die Gründe, die ich dafür vor allem sehe: die Spaltung der Arbeitsgesellschaft insbesondere aufgrund der Digitalisierung, der Aufstieg der rechtspopulistischen Kräfte und das Flüchtlingsthema. Alle drei Themen werden 2017 und darüber hinaus eine große Rolle spielen. Die Politik wird (Personal)Manager also eher mehr als weniger beschäftigen.

Schaut man sich die HR-Suppe an, fallen mir spontan zwei Leute ein, die sich parteipolitisch engagieren. Zum einen Marcus Reif, der bei Kienbaum Chief People Officer ist, und sich für die CDU in meiner Heimatregion im Taunus engagiert. Zudem hat sich zuletzt Tausendsassa Nico Rose, Employer-Branding-Verantwortlicher bei Bertelsmann, mit seinem Eintritt in die FDP geoutet. Und die Begründung fand ich durchaus beeindruckend: Er wolle angesichts der jüngsten Wahlergebnisse, die freiheitliche Grundordnung aktiv verteidigen.

Mein Thema ist zwar eher die Spaltung der Arbeitsgesellschaft, aber vielleicht steht das ja mit dem Aufstieg der Populisten auch in Verbindung. Wenn Siemens-CEO Joe Kaeser angesichts des digitalen Wandels eine bessere soziale Absicherung für die Menschen fordert, lässt das aufhorchen. Die Schere geht immer weiter auf: Zwischen denen, die in der digitalen Welt mitgestalten und denjenigen, die keine digitalen Kompetenzen haben, die mit dem Tempo nicht mitkommen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte die Kluft eventuell nicht allzu groß werden lassen. Die Folgen eines solchen Grundeinkommens kann heute niemand wirklich abschätzen. Ich bin mir aber sicher, dass wir es ausprobieren müssen. Eine andere Frage wäre, ob man die Arbeit im Vergleich zum Vermögen weiter so hoch besteuern muss. Den reichsten zehn Prozent der Deutschen gehören knapp zwei Drittel der Vermögen, hingegen legen die untersten 40 Prozent so gut wie gar nichts zur Seite. Deren Reallöhne sind auch seit 2000 praktisch nicht gestiegen. Gleichzeitig wächst der Anteil der Niedriglohnempfänger, also derjenigen, die unter zehn Euro die Stunde verdienen.

Neulich ist mir ein Essay ins Auge gesprungen mit dem schönen Titel: „Fuck work„. Der Autor bezweifelt darin, dass das ganze Konstrukt rund um Arbeit für einen Großteil noch funktioniert. Unser ganzes Leben ist rund um Arbeit aufgebaut – ob wir eine haben oder nicht. Wir gehen einer Tätigkeit nach, oder suchen nach ihr, die unserem Leben Struktur gibt, mit der wir uns identifizieren, die uns Anerkennung gibt in der Gesellschaft und natürlich uns ermöglicht, ein gutes Leben zu finanzieren. Arbeit war immer auch ein Versprechen: Wenn du hart arbeitest, kannst du ein einigermaßen gutes Leben führen. Dieses Versprechen – das noch mehr in den USA galt – hat immer auch dazu geführt, „denen da oben“ nichts zu neiden und so für stabile Verhältnisse im Land gesorgt. Doch für immer mehr gilt dieses Versprechen nicht mehr. Ihnen verschafft der Job wenigstens noch eine Aufgabe, Die meisten würden wohl ohne ihren Job in ein abgrundtiefes Loch fallen.

Die Zahl der Arbeitslosen befindet sich auf einem Rekordtief. Aber was sagt das aus, wenn die Qualität der Arbeitsverhältnisse von vielen als unbefriedigend empfunden wird? Wenn ihr Einkommen unterhalb der Armutsgrenze in Deutshland liegt? Laut einer Befragung des Bundesarbeitministeriums und der INQA, die im aktuellen Weißbuch „Arbeiten 4.0“ erwähnt wird, ist die Sicherheit des Arbeitsplatzes der größte Wunsch der Bürger in Bezug auf den Job. Doch diese Sicherheit wird für viele weiter erodieren. Sicherheit kann ihnen nur noch die eigene Employability geben, die Arbeitsmarktfähigkeit. Und das bedeutet: Bildung, Bildung, Bildung. Doch so mancher kommt nicht mehr mit. Das permanente Lernen in der digitalen Welt, die so viel Dynamik bringt, ist nicht jedermanns Sache.

Nach der Arbeitsplatzsicherheit folgt: ein unbefristetes Arbeitsverhältnis, Zusammenarbeit mit netten Leuten, guter Lohn und gute Führung. „Stellt man die erlebte Arbeitsqualität der gewünschten gegenüber, ergeben sich die größten Differenzen bei den Themen Lohn/Gehalt, Führung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, schreibt Benjamin Mikfeld in seinem Einführungsessay im Weißbuch.

Thomas Straubhaar schreibt in einem lesenswerten Beitrag für die Süddeutsche, dass die Globalisierung zwar der stärkste Wachstumsmotor der Menscheitsgeschichte war, sie aber Verteilungsfragen unbeantwortet gelassen hat. Sie hat zu einer Polarisierung geführt. „Einkommensscheren haben sich nicht geschlossen, sie haben sich im Gegenteil weiter geöffnet, vor allem auch, weil nicht alle gleichermaßen von höheren Kapitaleinkommen aus der Wertsteigerung und aus Vermögenserträgen von Aktien, Immobilien, Unternehmensgewinnen oder Monopolrenten profitieren konnten.“

Nun könnte man als Manager sagen: „Und? Soll sich doch die Politik darum kümmern. Dafür ist sie da.“ Doch wenn die Polarisierung dazu führt, dass ein Land aus dem Gleichgewicht gerät, kann das einen Wirtschaftsvertreter nicht mehr kaltlassen. Es ist Zeit, dass sich alle an einer Diskussion beteiligen, wie die Polarisierung sich überwinden lassen könnte.

Und die Lösung, da bin ich sicher, kann nicht darin liegen am System ein bisschen rumzudoktern. Wir müssen „Outside the box“ denken. Die Lösung liegt außerhalb des jetzigen Systems. Lohngleichheitsgesetz, Rente mit 67, Reform der Arbeitnehmerüberlassung, Mindestlohn – alles ehrenwert.  Wir bewegen uns aber nach der Industrialisierung in einem neuen Zeitalter. Die Frage muss vielleicht lauten, ob tatsächlich Arbeit noch im Zentrum unser aller Leben stehen sollte, wonach sich alles auszurichten hat. Ich denke, dass wir für dieses „Outside-the-box“-Denken die Wirtschaft brauchen, weil die Politik dazu nicht mehr in der Lage ist. Manager, auch Personalmanager, kommen nicht umhin, sich zu grundsätzlichen, gesellschaftlichen Fragen Gedanken zu machen und kreativen Input zu liefern. Damit meine ich nicht schnöden Lobbyismus für die eigenen Interessen. Sondern es geht um einen Beitrag im Sinne gesellschaftlicher Verantwortung, der auch den eigenen Interessen zugute kommt.

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