Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Jeden Tag schönes Scheitern

Das flexible Verbinden von Arbeit und Privatleben geht – irgendwie, aber eigentlich nicht wirklich. Irgendjemand verliert immer. Bericht aus der Elternzeit.

Die Nachricht nahmen viele auf wie die Verkündung einer Krankenheilung oder das Ende einer langen Haftstrafe: Menschen umarmten mich, klopften mir auf die Schulter und riefen „Glückwunsch“. Ich vermute, bei dem ein oder anderen suchte sich auch eine Träne der Freude ihren Weg in die Freiheit. Der Grund für diese Gefühlsausbrüche war jedoch weder meine Haftentlassung noch eine erfolgreiche Krebstherapie, sondern der Beginn meiner zweimonatigen Elternzeit (Ja, es sind die typischen zwei Vätermonate, aber es ist dafür meine dritte Elternzeit. Davor habe ich sechs und vier Monate genommen).

Das besonders Groteske an den Glückwünschen ist vor allem, dass sie von denjenigen kamen, die nichts von meinem Job wissen, von entfernten Verwandten zum Beispiel und von anderen Eltern, die ihr Kind im selben Kinderladen haben wie wir. Sie umarmten mich, wie den Kriegsgefangenen, der nach vielen Jahren in der Fremde schließlich doch noch seinen Weg nach Hause gefunden hat – nach einem langen Marsch. Durch den Schnee. Barfuß. Ohne Essen, mit Trinken zwar, aber nur wenig.

Nun, die Glückwünsche sagen womöglich so manches darüber, welches Bild die Gratulanten von Arbeit grundsätzlich haben bzw., welche Erfahrungen sie selbst am Arbeitsplatz machen. Sie empfinden ihren Job vielleicht als ein Ort der Qual und der Entfremdung, an dem man sich regelmäßig aufhalten muss, um Geld zu verdienen. Mit einer solchen Sicht sind die Freudentränen zur Elternzeit vermutlich verständlich.

Wie eine Decke, die stets zu kurz ist

Es kann aber auch sein, dass sie sich einfach mit mir freuen, dass ich nun mehr Zeit mit meinen Kids verbringen kann. Ganz einfach, weil sie wissen oder erahnen, dass das zuletzt zu wenig stattgefunden hat. Sie wissen, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht geht, zumindest nicht in dem Sinne, dass alle Beteiligten zufrieden sind bzw. ihnen das Bestmögliche zugutekommt. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist wie eine Decke, die zu kurz ist ­– egal, wo und wie stark man dran zieht, irgendein Körperteil bleibt immer unbedeckt. Will heißen: Einer muss verlieren. Einer bekommt nicht die Aufmerksamkeit, die richtig und wichtig wäre: der Kunde (in meinem Fall ist das häufig das eigene Unternehmen), die Kollegen, die Kinder, die Partnerin, ich selbst. Bei den meisten, die ich kenne, nimmt die Aufmerksamkeit für die jeweilige Person in dieser Reihenfolge ab. Die Vereinbarkeit, sie geht, irgendwie. Aber sie hat einen Preis. Ich bin nicht der erste, der das sagt. Die Journalisten Marc Brost und Heinrich Wefing haben dazu schon ein wunderbares Buch geschrieben. Sie sprechen für alle Väter und Mütter, die ihren Job lieben und natürlich ihre Kinder – und beides zusammenkriegen müssen.

Sind wir gerne Väter? Ja, absolut, von ganzem Herzen.
Sind wir gerne Journalisten? Ja, leidenschaftlich gerne.
Und, geht beides zusammen?
Die übliche Antwort lautet: Ja, klar. Manchmal hakt es ein bisschen, manchmal sind alle ein bisschen erschöpft – Vater, Mutter, Kinder. „Urlaubsreif“ nennen wir das. Aber im Großen und Ganzen? Gibt es kein Problem. Wir sind ja prima organisiert, im Job und zu Hause, wir sind diszipliniert, wir wollen, dass alles klappt. Also klappt es auch, irgendwie.
Die Wahrheit ist: Es ist die Hölle.

Dabei habe ich persönlich viele Freiheiten im Job bei HRpepper, kann wirklich flexibel arbeiten, auch den Arbeitsort selbst bestimmen, wenn nicht Teamtreffen oder Kundenterminen meinen Flexibilitätswünschen entgegenstehen. Ich kann mich keineswegs beklagen. Im Gegenteil. 

Doch es bleibt als sogenannter „Knowledge Worker“ zum einen die schlichte Quantität der zu verrichtenden Arbeit im Sinne der Kundenzentrierung, zum anderen – und das ist womöglich entscheidender – ist das mentale Abschalten gar nicht so einfach, wenn der vierjährige Sohn am Abend mit Papa noch was malen will und die Gedanken des Vaters an irgendeinem Projekt hängen. Markus Albers weiß, wovon ich rede.

Woran ich als Antwort auf diese Herausforderung wenig glaube, ist Teilzeit zum Beispiel in Form von 30- oder 32-Stunden-Wochen. Das mag in Präsenzarbeitskulturen mit Stechuhren funktionieren. Doch dort, wo Mitarbeiter viele Freiheiten im Job haben, eine Vertrauens- und Ergebniskultur herrscht, sich vielleicht unternehmerisches Denken auf die Fahnen geschrieben wird, kann man nicht mit klassischen Arbeitszeitmodellen hantieren, die auf der Logik des Industriezeitalters basieren. Die zu erledigende Arbeit im Sinne des Kunden lässt sich schwierig in Stunden-Scheiben filettieren.

Was hilft, ist die Möglichkeit, den Tag flexibel zu gestalten, also beispielsweise, dass es einfach ist, auch mal private Termine in den Arbeitstag zu integrieren.

Arbeit und Privates flexibel verbinden. Aber Kinder sind gemein

In einer der vergangenen Ausgaben der „Personalwirtschaft“ zitiert Chefredakteur Cliff Lehnen einen Personaler mit den Worten, kein Mensch brauche künftig eine Balance zwischen Arbeit und Privatleben. Wichtig sei, dass man beides flexibel miteinander verbinden könne.

Ich bewundere diejenigen, die ganz souverän und selbstverständlich ihren Tag managen, dass sie um 16 Uhr die Kinder abholen, dann ist Familiy-Time bis ungefähr 20 Uhr. Die Kinder werden ins Bett gebracht, kurze Geschichte. 20.06 Uhr schlafen alle. Danach arbeitet Vater und/oder Mutter bei einem Gläschen Wein noch bis 23 Uhr und alle sind zufrieden.

Ich arbeite auch des Öfteren noch am späten Abend, aber erst ab ca. 22 Uhr und dann nicht selten im Status des Halbtoten. Unter anderem weil eines der Kinder erst um 21.30 Uhr eingeschlafen ist, vorher wollte er nämlich noch: etwas trinken, hatte Bauchschmerzen, etwas Wichtiges erzählen, ein Spielzeug suchen, aufs Klo gehen, die Weltformel errechnen. Nachdem alle Kinder zusammen bereits vorher in der Regel meine Nerven aufs Äußerste strapaziert haben. Wer Kinder hat, der weiß: Sie sind gemein und sie kennen keine Gnade, wenn sie merken, dass man es eilig hat bzw. eigentlich etwas anderes machen will.

Begriff der Work-Life-Balance hat immer noch Berechtigung

Ich bin ein Anhänger des in die Jahre gekommenen Begriffs „Work-Life-Balance“, der von den meisten mit leidenschaftlicher Vehemenz oder mit einem überheblichen Lächeln abgelehnt wird. Schließlich heißt es heute „Work-Life-Blending“ oder „Work-Life-Integration“ oder „Life-Life-Balance“ oder was anderes Kreatives.

Richtig ist, dass Arbeit zum Leben gehört, deshalb ist diese semantische Trennung eigentlich Unsinn. Doch jeder weiß, was gemeint ist. Und natürlich vermischen sich Privates und Arbeit immer mehr. Und doch braucht es eine Balance. Es geht darum, zu entscheiden, wo ich wie viele Ressourcen investiere – in die Arbeit und vor allem in das Familienleben. Es gibt dabei kein paralleles Abarbeiten. Ja, beides muss sich flexibel verbinden lassen. Aber das ist erst einmal Theorie: Ein Familiensystem funktioniert völlig anders als ein Arbeitssystem. Kinder brauchen  eine gewisse Routine und Verlässlichkeit. Routine im Job nimmt jedoch ab. Dort muss ich flexibel und schnell sein. Flexibilität hilft auch beim Familienmanagement, aber die Beziehung zu Kindern braucht Zeit. Nähe und Vertrauen entstehen mit der Dauer. Meine Beziehung zu den Kindern ist in der Elternzeit eine andere als wenn ich werktags nur eine Stunde mit ihnen verbringe.
Bei uns ist es etwas klassisch aufgeteilt momentan: Ich arbeite ganztags, meine Frau halbtags. Und doch bin ich voll eingebunden in die KIndererziehung: Bringe die Kinder in den KInderladen, bringe sie ins Bett. Eigentlich ist alles genau geplant. Allerdings: Wenn die Kinder krank sind, steht das ganze „Flexible-miteinander-verbinden-lassen“ kurz vor dem Einsturz.

In einem Interview wurde eine „erfolgreiche“ Managerin zu dem Dilemma befragt, was sie denn mache, wenn zeitgleich zu einem wichtigen Kundentermin die Kinder richtig doll krank werden. Und ihre Antwort war: „Ich versuche das wegzudelegieren.“ Sie meinte die kranken Kinder. Ich will das nicht bewerten. Ich will nur damit sagen: Es gibt in diesem Fall häufig irgendeinen Verlierer. Umgekehrt wäre der Kunde eventuell verärgert mit entsprechenden Konsequenzen.

Kurze Sabbaticals werden für Wissensarbeiter attraktiver

Woran ich noch mehr glaube als an die Flexibilisierung in Bezug auf einen Arbeitstag sind im Wissenszeitalter Sabbaticals, wozu ich jetzt auch mal die Elternzeit zählen würde. Ich bin mir sicher, dass sie in unserer Arbeitsgesellschaft und auch in der Personalarbeit an Bedeutung gewinnen werden, weil Arbeit sich beschleunigt und komplexer wird und damit für das Individuum anstrengender.

Ich könnte mir vorstellen, dass es für viele ein interessantes Incentive sein könnte, beispielsweise alle drei Jahre eine dreimonatige Auszeit zu nehmen, die vom Arbeitgeber bezuschusst wird. Dann lassen sich die Akkus wirklich wieder aufladen, kann man sich erholen und bekommt mit dem Abstand zum täglichen operativen Klein-klein wieder kreative Ideen. Ich kenne viele, die für eine solche Möglichkeit auf Geld verzichten würden.

Und grundsätzlich hilft sicherlich ein Arbeitgeber, der Verständnis für die Situation des Mitarbeitenden zeigt, der diesen als ganzen Menschen sieht und nicht nur in seiner Rolle und Funktion auf der Arbeit. Bei meinem Arbeitgeber ist das so. Work-Life-Blending darf eben keine Einbahnstraße sein: Nicht nur die Arbeit dringt ins Privatleben, sondern auch im Job bin ich „ganz“ Mensch.

Zudem brauchen wir den Abstand ­– immer wieder aufs Neue. Das hilft, Reflexionsprozesse anzustoßen, Kreativität zu fördern und zum Beispiel seinen Kindern endlich die volle Aufmerksamkeit zu widmen. Nur für die Arbeit zu leben, rund um die Uhr, halte ich persönlich für kontraproduktiv. Der Mensch ist so viel, hat so viele Interessen und Persönlichkeiten (und in meinem Falle auch: viele Kinder). Deshalb kann ich nur sagen: Wer sein Hobby zum Beruf gemacht hat, sollte sich ein neues Hobby suchen. Elternzeit ist eine gute Sache. Ich weiß das, es ist ja meine dritte. Und mein Arbeitgeber unterstützt mich dabei.

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