Archiv der Kategorie: Allgemein

Personaler, vergesst Euer Menschenbild nicht

New Work überall. Egal, was man nun genau unter dem Begriff versteht, es gibt eine tiefe Sehnsucht nach einer anderen Art zu Arbeiten. Nicht nur bei Mitarbeitern, sondern sogar die meisten Führungskräfte sagen, dass die Führungskultur in ihrem Unternehmen nicht mehr zeitgemäß ist. Der Wunsch nach mehr Menschlichkeit innerhalb von traditionellen, hierarchischen Organisationssystemen geht einher mit der Einsicht, dass viele Unternehmen zu starr und träge für die Anforderungen dynamischer Märkte geworden sind.

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„Vorschriften töten Ideen“

Silicon Valley from above

Ich hätte nicht gedacht, dass Christoph Keese so ein Buch schreiben kann. Schließlich ist der Mann Manager bei Axel Springer. Erstens nicht gerade mein Lieblingsverlag und zweitens ist der Medienkonzern ja bekanntlich im Streit mit Google in Sachen Leistungsschutzrecht, was Keese erst einmal nicht prädestiniert für ein Buch über das „Silicon Valley“. Der Untertitel lautet „Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt.“

Was da genau auf uns zukommt, kann natürlich auch er nicht beantworten. Doch man bekommt eine Idee davon. Jedes Geschäftsmodell ist angreifbar. Das Silicon Valley ist Meister im Erkennen von Schwächen in den Geschäftsmodellen etablierter Unternehmen. Beißhemmungen gibt es nicht.

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Werdet Unternehmer!

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Robindro Ullah hat in seinem Blog neulich ein spannendes Thema diskutiert. Es ging um Employability, also die Fähigkeit einer Person eine Beschäftigung zu finden bzw. in Beschäftigung zu bleiben, weil sie eben lebenslang „arbeitsmarktfit“ ist. Die Basis dieser Arbeitsmarktfitness ist die Gesundheit des Beschäftigten. Doch vor allem geht es darum, dass dieser in der Lage ist, diejenigen Kompetenzen zu entwickeln, die es ihm ermöglichen, sich immer wieder auf veränderte Bedingungen im Job und auf dem Arbeitsmarkt einzustellen. Der Begriff ist so neu nicht. Gerade in bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Debatten wurde schon häufig die Frage gestellt, wie man Arbeitslose arbeitsmarktfähig bekommt. Und das Institut der bekannten Personalforscherin Jutta Rump trägt den Begriff Employability sogar im Namen. Im Harvard Business Manager von 2007 kann man lesen, dass der Begriff Mitte der 90er Jahre nach Deutschland gekommen ist.

Das Thema wird uns noch sehr beschäftigen

Employability ist kein neues Phänomen, aber es wird uns sicherlich in der Zukunft noch mehr beschäftigen und bei dem Thema geht es mitnichten nur um Arbeitslose. Auch für Beschäftigte wird der Druck größer mit veränderten Anforderungen, die der Job verlangt, Schritt zu halten. Nehmen wir den Publishing-Bereich, in dem ich arbeite. Vor einigen Jahren habe ich für eine Tageszeitung gearbeitet (aus Papier!). Heute arbeite ich auch viel online. Social Media wird für Journalisten immer wichtiger und der digitale Wandel hört einfach nicht auf. Selbst Videos aufzunehmen und schneiden zu können, wird zum Beispiel bald zum Standard-Repertoire eines Journalisten gehören. Und wohl auch das Programmieren. Der Verleger Hubert Burda sagte im Februar über angehende Journalisten: „Wer heute 20 Jahre alt ist und keinen Algorithmus schreiben kann, wird es künftig schwer haben.“ Also einfach nur schön schreiben und gut recherchieren, das war gestern. Jetzt geht es in Richtung Eierlegende Wollmilchsau.

Aber wer soll sich um die Employability des Beschäftigten zuvorderst kümmern, wer schiebt ihn oder sie an in Richtung Wollmilchsau? Der Staat? Das Unternehmen? Der Einzelne selbst?

Robindro Ullah betont völlig zurecht, dass der unbefristete Arbeitsvertrag an Wert verliert. Die Unsicherheiten sind größer geworden. Die Loyalität hat auf beiden Seiten – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – abgenommen. Arbeitsmärkte sind dynamischer geworden, junge Leute wollen unterschiedliche Erfahrungen machen und die Unternehmen sind gezwungen sich stetig zu wandeln, vielleicht sogar das Geschäftsmodell in Frage zu stellen. Da es also keine lebenslangen Versprechungen mehr gibt, könnte Employability ein neues Beschäftigungssicherungskonzept sein. Beide Seiten einigen sich darauf, in die Beschäftigungsfähigkeit des Mitarbeiters zu investieren. Weiterbildungen und Aufgabenerweiterungen zum Beispiel werden also auch mit dem Ziel der verbesserten Employabilty angestrebt. Das Unternehmen und der Einzelne haben beide etwas davon.

Der einzelne Mitarbeiter ist es allerdings, der seine Arbeitsmarktfähigkeit immer im Blick haben muss. Was passiert gerade in meinem Berufsfeld? Welche Kompetenzen fehlen mir? Wo müsste ich mich weiterentwickeln? Die Verantwortung liegt also erst einmal bei ihm selbst. Auf das Unternehmen darf er sich nicht verlassen. Im Zweifel sollte er oder sie auch besser wissen als der Arbeitgeber, was in seinem Metier passiert.

Wichtig sind Neugierde und eine unternehmerische Einstellung 

Wobei das Wichtigste hinsichtlich der Employability kein Fachwissen ist, sondern vor allem die Fähigkeit zu lernen und die Offenheit für Neues und Veränderung. Hinzu kommt die Fähigkeit, sich und seine Kompetenzen darstellen zu können, vielleicht sogar zu vermarkten. Zumindest muss man heute sichtbar sein. „Employability lässt sich nicht allein durch fachliche Weiterbildung erhalten. Viel wichtiger als der erlernte Beruf sind soziale Schlüsselkompetenzen und die richtige, das heißt eine quasi unternehmerische Einstellung zum Arbeitsmarkt“, heißt es im Harvard Business Manager.

Das Thema Beschäftigungsfähigkeit ist deshalb insbesondere ein gesellschaftliches und eine angemessene Debatte dazu hat meines Erachtens noch gar nicht stattgefunden. Beschäftigte als Unternehmer in eigener Sache – ein solches Bild ist in unserer Gesellschaft immer noch eine Revolution.  Eine solche Entwicklung entlässt die Arbeitnehmer in die Mündigkeit, gibt ihnen ein Mehr an Freiheit. Sie erlaubt aber auch keine Bequemlichkeit und kann für manche einen ganz schönen Druck bedeuten.

Man muss klar sagen: Diese Entwicklung wird die Spaltung des Arbeitsmarktes weiter vorantreiben. Denn die zunehmende Flexibilität, die von den Beschäftigten verlangt wird, wird einige schlicht überfordern. Hier sehe ich auch eine soziale Verantwortung bei den Unternehmen, sich zu kümmern und die Beschäftigten zu unterstützen, employable zu werden, sie zu befähigen zum Beispiel projektbezogen und netzwerkartig zu arbeiten – und Unternehmer in eigener Sache zu werden. Das kann auch dem Arbeitgeber helfen. Schließlich ist der Mitarbeiter ebenfalls Markenbotschafter des Unternehmens. Robindro Ullah ist dafür ja das beste Beispiel. Ich jedenfalls kenne den Namen Voith erst seit er von der Deutschen Bahn nach Heidenheim(!) gewechselt ist.

Literaturhinweise zum Thema gibt es unter anderem auf der Informationsplattform des IAB.

 

Warum Work-Life-Balance so wichtig ist

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Ach, das ist von allen Diskussionen meine liebste. Vielleicht weil ich da so gänzlich andere Ansichten habe als viele andere aus der Karriere-/HR-Community. Immer wieder aufs Neue darf ich lesen, was der Begriff „Work-Life-Balance“ für ein Quatsch ist. Der Chefredakteur von „Hohe Luft“ Thomas Vasek hat ja dazu ein ganzes Buch und mehrere Artikel geschrieben. Ich habe meinen Kommentar dazu auf der Seite des Human Resources Manager veröffentlicht. Nun hat Sabine Gysi auf imgriff.com einen kurzen Beitrag unter der Überschrift „Warum viele Freizeit-Fanatiker unzufrieden sind“ verfasst. Es wird aber behauptet, dass der Begriff der „Work-Life-Balance“ schon vor Jahren für tot erklärt wurde. Vielleicht haben das ja Coaches und Blogger getan. In den meisten Unternehmen ist er gerade erst angekommen.

Zudem verweist Sabine Gysi auf einen Beitrag von Jochen Mai, der 5 Antithesen zur Work-Life-Balance verfasst hat. Und damit komme ich zum eigentlichen Anlass meines Beitrags hier. Vor einiger Zeit habe ich schon mal zu dem Thema mit ihm diskutiert. Und obgleich ich sein Portal sehr schätze, finde ich Beiträge, die ein vermeintliches Tabu brechen, indem sie uns klar machen wollen, dass Arbeit und Leben gar keine Gegensätze sind, zwar durchaus inspirierend, aber leider wirklichkeitsfremd. Zumal sie in der Regel von Leuten kommen, die als Selbstständige arbeiten beziehungsweise seeeehr viel Freiheit in ihrem Job haben. Ja, ich muss sagen, Texte im Publikumspublikationen wie der Zeit oder dem Spiegel zum Thema Burnout sind für mich eher am Puls der Zeit als Appelle doch endlich die Arbeit zu umarmen. Ganz schrecklich fand ich zum Beispiel Thomas Vaseks Aussage, das Burnout-Gejammer sei nicht auszuhalten. Dazu hab ich mal eine Frage: geht’s noch? Das verhöhnt ja die Menschen, die wirklich leiden.

Da Listen und Thesen so beliebt sind, will auch ich zu dem Thema mal welche verfassen. Sie sollen einen anderen Blick auf die Diskussion werfen.

  1. Ja, Arbeit gehört zum Leben. Dennoch ist der Begriff wichtig
    Das ist eine Binse. Der Begriff Work-Life-Balance mag ja unglücklich gewählt sein. Okay. Trotzdem ist er wichtig, weil er darauf abzielt, dass der Mensch (wenn er denn will) mehr ist als seine Arbeit. Nämlich ein Wesen mit Familie, Freunden, Hobbys, einem Ehrenamt etc. All das macht den Einsatz von Ressourcen nötig und da meine Kraft und die Zeit begrenzt sind, muss ich eine für mich akzeptable Balance des Ressourceneinsatzes hinkriegen. Das Leben ist, wie Jochen Mai zurecht sagt, nur schwer planbar. Schnell entstehen neue Situationen, muss ich an einem Tag lange arbeiten, 12 oder 14 Stunden, muss mein Kind aus der Kita abgeholt werden, weil es krank ist. Man muss heute extrem flexibel sein. Doch wie sieht meine Balance zum Beispiel am Ende des Jahres aus, wenn ich einen Strich unter meine Ressourcenverwendung ziehe? Hier will ich eine ausgewogene Balance sehen: zwischen Job (macht mir Spaß, aber anstrengend), Familie (macht mir Spaß, aber anstrengend) und Hobbys (machen mir Spaß). Ich identifiziere mich mit meinem Job, aber eben auch mit meiner Rolle als Vater und meinen anderen Leidenschaften. Ich bin viel (und nicht nur meine Arbeit).
  2. Mal völlig weg vom Job zu sein, ist nötig, um sich zu erholen und gut, um neue Ideen zu sammeln
    Das ist natürlich subjektiv. Mein Job macht mir Spaß, ist aber anstrengend, weshalb ich Erholungsphasen brauche. Das Wochenende und Urlaub sind dafür wichtig. Zudem bekomme ich die besten Ideen, wenn ich mich mit gänzlich anderen Themen beschäftige als mit Journalismus und HR. Man kann eine neue Perspektive einnehmen, die man vorher nicht wahrgenommen hat, weil man zu dicht dran war. Die Arbeitsglorifizierer wie Thomas Vasek brauchen natürlich keine Erholungsphasen. Er arbeitet zum Beispiel „am liebsten an Wochenenden oder im Urlaub, da habe ich die meiste Zeit.“ Klingt super. Aber so ganz out of space scheine ich mit meiner Meinung noch nicht zu sein, wenn selbst Kasper Rorsted persönlich den Samstag zu seinem E-Mail freien Tag erklärt hat.
  3. Viele Jobs sind unsexy und machen keinen Spaß
    Die Leute, die „Work-Life-Balance“ für tot erklären, betonen immer wieder, wie viel Freude ihnen die Arbeit macht. Aber es gibt eine Menge Leute, denen geht das überhaupt nicht so. Deren Aufgabe ist vielleicht monoton oder körperlich sehr anstrengend. Oder sie sind Lehrer. Das ist nämlich, wie man jetzt in der SZ lesen konnte, ein Höllenjob. 30 Prozent der Lehrer und Erzieher leiden unter Burn-out und Erschöpfung. Ach so, Entschuldigung, Thomas Vasek kann das Gejammer über Burn-out ja nicht mehr hören. Nun könnte man einwenden, niemand ist gezwungen, einen Job zu machen, der ihm keinen Spaß macht. Er oder sie sollte sich eine neue Aufgabe suchen. Das mag auf einige zutreffen. Andere schleppen sich jedoch trotzdem zu einem Job, der sie quält, weil sie Angst vor Veränderung haben oder Arbeitslosigkeit. So mobil, wie uns viele weiß machen wollen, sind die meisten Arbeitnehmer halt nicht. Weil sie nicht umziehen können oder wollen, weil sie bestimmte Qualifikationen nicht haben etc. Diese Realität muss man anerkennen.
  4. Die meisten Beschäftigten arbeiten in Organisationen und die können die Hölle sein
    Das ist für mich der wichtigste Punkt. Denn die wenigsten sind selbstständig. In der Regel arbeitet man mit Kollegen, hat einen Chef etc. Und je größer die Organisation, desto größer manchmal der Wahnsinn. Mir hat mal ein Manager eines Konzerns gesagt (nicht HR): „50 Prozent meiner Zeit verbringe ich mit absolutem Schwachsinn, schwachsinnigen Meetings und Reportings.“ Hinzu kommt vielleicht noch die tägliche Auseinandersetzung mit einem unfähigen Chef. Bekanntlich kommen häufig immer noch die in Führung, die zwar fachlich top, aber menschlich eine Katastrophe sind. Jochen Mai würde sagen, das ist ein Führungsproblem und hat nichts mit dem Thema zu tun. Aber von was reden wir dann? Wenn man das nicht berücksichtigt, bleibt die Diskussion ja völlig abstrakt. Arbeit ist eben mehr als die Aufgabe, Arbeit findet in der Regel in Organisationen statt, in der Interaktion mit anderen. Und das kann sehr anstrengend sein.
  5. Die Beschleunigungsökonomie ist eine Gefahr für die Gesundheit
    In den Konzernen wird in immer kürzeren Abständen restrukturiert. Das bringt für die Beschäftigten immer gewisse Unsicherheiten mit. Das gehört heute zum Joballtag. Zu diesem gehören auch Zielvereinbarungen, die immer ehrgeiziger festgesetzt werden. Das erzeugt Druck. Hinzu können Beurteilungssysteme kommen, die den Wettbewerb unter den Angestellten forcieren (zum Beispiel Forced Distribution). Der Druck auf die Konzerne kommt von den Märkten und den Anteilseignern. Globalisierung und Digitalisierung verschärfen den Wettkampf der Unternehmen, das wird an die Beschäftigten weitergegeben. Das ist es, was für viele Menschen Arbeit heute bedeutet. Und das muss man zumindest anerkennen. Natürlich gibt es Unternehmen, wo die Zufriedenheit hoch ist, die eine gesunde Unternehmenskultur haben und eventuell werden die mit dem wachsenden Mangel an Fachkräften mehr werden. Aber erstens, betrifft dieser Mangel nur ein kleine Anzahl an Berufsgruppen, und zweitens wird der Druck in Zukunft trotzdem nicht weniger werden, auch wenn die Digitalisierung an Bedeutung gewinnt. Gerade in der IT-Industrie, die so wichtig wird, wird ja besonders häufig über Erschöpfung geklagt. Das ist, meiner Meinung, immer noch das große Thema. Und nicht, ob man Arbeit und Leben als Gegensatz sieht oder nicht.
  6. Wenn die Erholungsbedürftigkeit nicht anerkannt wird, droht die Ausnutzung der Beschäftigten
    Ja, auch ich kann ohne Arbeit nicht leben. Arbeit als sinnerfüllende Tätigkeit, die dem Alltag Struktur gibt, wird im Übrigen von den meisten anerkannt. Selbst wenn sie keinen Spaß macht, ist sie für den Einzelnen dennoch wichtig, weil er oder sie eine Aufgabe hat. Das ist auch einer der Gründe, warum man Arbeitslose überhaupt in Arbeit bringen will. Nicht nur, damit sie der Gemeinschaft nicht zur Last fallen, sondern weil eine Aufgabe und das Gefühl gebraucht zu werden, auch eine gesellschaftsstabilsierende Funktion hat. Ich bin trotz allem kein Freund von „9 to 5“. Ich bin ein Freund von „9 to 8“ und „9 to 2“, will sagen: ich will Flexibilität in beide Richtungen. Und natürlich machen es manche Projekte nötig, dass man mal länger arbeiten muss, wer dann um 5 den Stift fallen lässt, ist wenig loyal. Wenn aber irgendwann in unserer Gesellschaft gelten sollte, dass Arbeit nur noch Erfüllung bietet, uns bereichert und Kraft gibt und Erholung quasi gar nicht mehr nötig ist, dann kommen wir in eine gefährliche Entwicklung, weil der Rechtfertigungsdruck auch außerhalb der 40 Stunden in der Woche zu arbeiten, größer wird. Jeder (vor allem jeder Selbstständige) soll das natürlich selbst entscheiden. Aber wenn alle meine Kollegen gerne Arbeit mit nach Hause nehmen, bin ich in Zugzwang, denn die Arbeit belastet ja nicht, sie macht Spaß. Und was Spaß macht, macht man gerne (auch am Wochenende).Als ich in meinen jungen Jahren Lokalreporter war (und das sehr gerne), habe ich in der Woche etwa 60 Stunden gearbeitet, war drei Mal in der Woche bis spät abends auf Gemeinderatssitzungen. Das haben alle so gemacht. Heute würde ich sagen: totaler Wahnsinn. Der Job hat mir Spaß gemacht, aber es war einfach zu viel und ich konnte meinen Sohn zu wenig sehen. Die Work-Life-Balance hat nicht gestimmt.

Heute sehe ich ihn öfter. Und den zweiten auch, denn ich bin gerade in Elternzeit (Balance!) und arbeite so gut wie gar nicht, aber ich habe super viele Ideen.

Die Automatisierung des Geistes

Too many computers

Wer sich für den Wandel der Arbeitsgesellschaft interessiert, dem sei das Buch „Arbeitsfrei“ von Constanze Kurz und Frank Rieger empfohlen. Es setzt sich sehr anschaulich mit der fortschreitenden Automatisierung der Arbeitswelt auseinander. Und dabei geht es – wie mancher vielleicht denken könnte – nicht nur um den Produktionsbereich. Schon längst hat auch die Automatisierung des Geistes eingesetzt. Bekannte Beispiele finden sich im Bankensektor. Nicht nur, dass Überweisungen online getätigt werden. Auch Kreditentscheidungen werden unter anderem von immer ausgefeilteren Algorithmen vorbereitet. Aber haben Sie schon mal von Narrative Science gehört? Die Software dieser Firma erzählt Geschichten. Und bietet unter anderem algorithmisch generierte Quartalsberichte und Sportberichterstattung an. Sogar die menschliche Kreativität ist also maschinell ersetzbar.

Auch das Personalmanagement ist natürlich von der Automatisierung betroffen – und diese kostet Stellen. Es gibt kaum ein großes Unternehmen, das nicht einen Shared Service Center hat und stark auf Self Service setzt. Die Zunahme des Self Service ist ein Trend, der noch nicht zu Ende ist. Mitarbeiter und Führungskräfte sollen vermehrt Zugriff auf ihre Daten haben und die relevanten Prozesse selbst bearbeiten können. Die Idee dahinter ist neben dem Sparen von Kosten eigentlich, dass den Personalern aufgrund der Automatisierung mehr Zeit für strategische Arbeit bleibt. Das ist allerdings oftmals lediglich Theorie.

Nichtsdestotrotz gilt für die Personaler – wie für uns alle -, dass die Entwicklung per se nicht zu verteufeln ist. Doch klar ist auch, dass in Zukunft wohl nicht für alle ausreichend Jobs auf dem freien Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen werden. Immense gesellschaftliche Fragen sind also mit dem Trend der Automatisierung verbunden. Denn wie Kurz und Rieger völlig zurecht sagen, ist nicht jeder Mensch in der Lage, dem im Kern inhumanen Ideal vom voll flexiblen, hochmobilen und anpassungsfähigen Arbeitnehmer jederzeit zu entsprechen. „Selbst wenn das Bildungs- und Weiterbildungssystem perfekt und nicht wie heute die Umschulungsmaßnahmen zielsicher für ein Technologieniveau ausgelegt wären, das jetzt schon oder ganz sicher demnächst obsolet ist.“

Die technologischen Entwicklungen bieten auch Chancen. Zum Beispiel wenn man die Trends schneller erkennt als andere. Hier sei wieder der Personalbereich erwähnt. Auf dem Human Resources-Markt tummeln sich unzählige Beratungen, die von ihrem Wissensvorsprung gegenüber den Personalern profitieren. Doch nicht wenige der Solo-Selbstständigen krebsen mit niedrigem (Umsatz-)Niveau herum. Denn schnell verkürzt sich der Wissensvorsprung und das eigene Know-how gehört alsbald zum digitalen Alltag. Und gleichzeitig strömen immer mehr Berater auf den Markt, die meinen, sie hätten eine Super-Idee, wenn sie sich mit ihrer „Employer-Branding-Social-Media-Beratung“ selbstständig machen.

Die einzigen, die wirklich zuversichtlich in die Zukunft gucken können, sind die Softwareentwickler. Denn sie schaffen die Innovationen von morgen. Obwohl: Auch sie sind Getriebene der Dynamik der technologischen Entwicklungen.