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„Gute Lehrer sind Schatzsucher, nicht Defizitnachweiser“

An den meisten deutschen Schulen läuft einiges schief: Die jungen Leute werden mit Wissen voll gestopft, anstatt sie zu Persönlichkeiten zu entwickeln, die fähig sind eigeninitiativ zu lernen. Das Problem ist auch für die Wirtschaft relevant. Denn der Grundstein für die notwendigen Kompetenzen in der Arbeitswelt von morgen, wird in den Schulen gelegt.

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Spaltung, überall

Reiche Eltern für alle!

Am schwierigsten sind zwei Gruppen von Eltern. Sie machen im Durchschnitt 20 Prozent der Elternschaft aus und kosten uns Lehrer 80 Prozent unserer Energie. Schwierig sind zum einen Eltern, die sich aus der Erziehung völlig davonstehlen. Zum zweiten sind es Eltern, die maßlos übererziehen. Unter dem Motto „Nur das Beste für mein Kind“ nehmen sie die Kinder so in Beschlag, dass sie mir wie gefesselt vorkommen.

Josef Kraus, Vorsitzender des Lehrerverbandes, hat das in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gesagt. Ein sehr interessantes und mit Sicherheit bewusst provokantes Interview. Es sind die Worte eines Mannes, der selbst als Lehrer arbeitet und ein Stückweit verzweifelt ist. Etwas hat sich extrem verschoben. Und zwar zu ungunsten der Kinder und damit der gesamten Gesellschaft.

Auf die vewahrlosten Kinder wird in dem Gespräch nicht weiter eingegangen, stattdessen konzentriert man sich auf die Eltern, die für ihr Kind (oft ist es nur eins) mit aller Macht das Beste wollen.

Wir haben Eltern, beileibe nicht nur Mütter, die ihre Kinder vom Kindergarten bis zum Studium restlos verplanen und begleiten. Inzwischen will man bereits für Dreijährige Potenzialanalysen haben. Manche Eltern decken ihre Kinder mit Terminen ein, die einem Managerkalender ähneln.

Und die umfassende Fürsorge geht nach der Schulzeit weiter. Immer mehr Kinder beratschlagen zusammen mit den Eltern, welches Studium das beste ist. Der Lebens- und Karriereweg als Projekt, das von einem Team gesteuert wird. Heute laufen auch Eltern wie selbstverständlich auf dem Campus herum, um sich gemeinsam mit dem Kind am Tag der offenen Tür über Studieninhalte zu informieren.

Und nun nach der Bachelor-Reform ist das Studium viel verschulter geworden. Bloß nicht zu viel Freiheit, bloß sich nicht ausprobieren, hinfallen und sich neu orientieren. Wir lassen den jungen Menschen zu wenig Raum und Zeit inne zu halten, zu reflektieren, was für sie persönlich zählt und wichtig ist. Erfahrungen als Wert an sich, haben an Bedeutung verloren. Schon frühzeitig wird auf ein Ziel hin gearbeitet. Ich sag nur: zweisprachige Kindergärten.

Und die fehlende Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst zeigt sich dann auch später im Berufsleben. Das Scheitern wurde nicht gelernt. Es fehlt an Frustrationstoleranz und die genaue Vorstellung der eigenen Stärken und Schwächen. Was kann ich? Was kann ich nicht so? Was will ich eigentlich? Beruflich und in meinem Leben?

Kraus spricht von 20 Prozent der Eltern, die den Lehrern das Leben schwer machen. Ich würde annehmen, dass diese Gruppe größer wird. Es sind zwei extreme Elterngruppen, an denen sich, wie ich finde, exemplarisch die Spaltung der Gesellschaft zeigt. Denn tendenziell sind diejenigen, die sich nicht um ihre Kinder kümmern, mit dem eigenen Leben überfordert. Sie haben keinen oder nur selten einen Job. Die anderen legen einen großen Wert auf einen Status, der sich vor allem aus der Karriere ergibt – die eigene oder die der Kinder. Die Spaltung der Elternschaft ist auch eine Spaltung der Arbeitsgesellschaft.

Und die Spaltung zieht sich weiter fort. Die Kinder, die Karriere machen, die gut Qualifizierten, die für ein Unternehmen wichtig sind, können später ihre Arbeitsbedingungen verhandeln. Gutes Geld, flexible Arbeitszeiten etc. Die anderen, wenn sie es denn mal in den Job schaffen, bekommen nur solche Jobs, in denen sie leicht austauschbar sind. Sie können gar nichts verhandeln, sondern müssen häufig eine menschenverachtende Arbeitskultur ertragen, eine Unternehmenskultur, die auf Angst und Druck basiert.

Das wird diese Menschen frustrieren, lässt sie verzweifeln. Sie fühlen sich wertlos und das geben sie wieder an ihre Kinder weiter.

(Foto: daniel-weber)