Archiv der Kategorie: Philosophie der Arbeit

Wir wollen gar nicht faul sein

Artikel, die unser kapitalistisches System kritisieren, häufen sich in letzter Zeit. So habe ich vergangenen Freitag im SZ-Magazin zum Beispiel das Interview mit der Soziologin Cornelia Koppetsch gelesen. Die Überschrift lautete: „Freiheit ist kapitalistischer Mainstream.“ Da dachte ich zuerst: Das hoffe ich doch, schließlich ist freies Unternehmertum die Basis unserer sozialer Marktwirtschaft. Allerdings bezog sich der Titel, wie ich dann herausfand, auf die Forderung der Arbeitgeber an die Arbeitnehmer eigenverantwortlich zu handeln. Was ich persönlich erst einmal gut finde, weil ich mich als mündig betrachte und selbstständig denken und handeln kann.

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Die Automatisierung des Geistes

Too many computers

Wer sich für den Wandel der Arbeitsgesellschaft interessiert, dem sei das Buch „Arbeitsfrei“ von Constanze Kurz und Frank Rieger empfohlen. Es setzt sich sehr anschaulich mit der fortschreitenden Automatisierung der Arbeitswelt auseinander. Und dabei geht es – wie mancher vielleicht denken könnte – nicht nur um den Produktionsbereich. Schon längst hat auch die Automatisierung des Geistes eingesetzt. Bekannte Beispiele finden sich im Bankensektor. Nicht nur, dass Überweisungen online getätigt werden. Auch Kreditentscheidungen werden unter anderem von immer ausgefeilteren Algorithmen vorbereitet. Aber haben Sie schon mal von Narrative Science gehört? Die Software dieser Firma erzählt Geschichten. Und bietet unter anderem algorithmisch generierte Quartalsberichte und Sportberichterstattung an. Sogar die menschliche Kreativität ist also maschinell ersetzbar.

Auch das Personalmanagement ist natürlich von der Automatisierung betroffen – und diese kostet Stellen. Es gibt kaum ein großes Unternehmen, das nicht einen Shared Service Center hat und stark auf Self Service setzt. Die Zunahme des Self Service ist ein Trend, der noch nicht zu Ende ist. Mitarbeiter und Führungskräfte sollen vermehrt Zugriff auf ihre Daten haben und die relevanten Prozesse selbst bearbeiten können. Die Idee dahinter ist neben dem Sparen von Kosten eigentlich, dass den Personalern aufgrund der Automatisierung mehr Zeit für strategische Arbeit bleibt. Das ist allerdings oftmals lediglich Theorie.

Nichtsdestotrotz gilt für die Personaler – wie für uns alle -, dass die Entwicklung per se nicht zu verteufeln ist. Doch klar ist auch, dass in Zukunft wohl nicht für alle ausreichend Jobs auf dem freien Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen werden. Immense gesellschaftliche Fragen sind also mit dem Trend der Automatisierung verbunden. Denn wie Kurz und Rieger völlig zurecht sagen, ist nicht jeder Mensch in der Lage, dem im Kern inhumanen Ideal vom voll flexiblen, hochmobilen und anpassungsfähigen Arbeitnehmer jederzeit zu entsprechen. „Selbst wenn das Bildungs- und Weiterbildungssystem perfekt und nicht wie heute die Umschulungsmaßnahmen zielsicher für ein Technologieniveau ausgelegt wären, das jetzt schon oder ganz sicher demnächst obsolet ist.“

Die technologischen Entwicklungen bieten auch Chancen. Zum Beispiel wenn man die Trends schneller erkennt als andere. Hier sei wieder der Personalbereich erwähnt. Auf dem Human Resources-Markt tummeln sich unzählige Beratungen, die von ihrem Wissensvorsprung gegenüber den Personalern profitieren. Doch nicht wenige der Solo-Selbstständigen krebsen mit niedrigem (Umsatz-)Niveau herum. Denn schnell verkürzt sich der Wissensvorsprung und das eigene Know-how gehört alsbald zum digitalen Alltag. Und gleichzeitig strömen immer mehr Berater auf den Markt, die meinen, sie hätten eine Super-Idee, wenn sie sich mit ihrer „Employer-Branding-Social-Media-Beratung“ selbstständig machen.

Die einzigen, die wirklich zuversichtlich in die Zukunft gucken können, sind die Softwareentwickler. Denn sie schaffen die Innovationen von morgen. Obwohl: Auch sie sind Getriebene der Dynamik der technologischen Entwicklungen.

Sympathische Vision

Lazy Dog

Schon spannend, was sich da in der Schweiz tut. Dort hat die Forderung nach einem bedingungslosem Grundeinkommen 126.000 Unterschriften bekommen. Der Bundesrat beschäftigt sich jetzt mit der Idee. „Wenn alle Formalien eingehalten wurden, stimmen die Bürger in zwei oder drei Jahren über das Grundeinkommen ab“, heißt es in der Süddeutschen Zeitung, „im Gespräch sind 2500 Schweizer Franken, etwas über 2000 Euro.“

Natürlich gibt es gute Gründe gegen eine solche Art von Mindesteinkommen. Zum Beispiel, dass der Anreiz dann fehlen könnte, die eher unangenehmen Jobs anzunehmen. Der Wirtschaftsstandort könnte Schaden nehmen, weil eine solche Reform zu teuer wäre und zu viele Menschen sich aus dem Arbeitsmarkt verabschieden würden.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre eine Revolution. Es würde die Gesellschaft massiv verändern. Doch keine Angst. Zumindest in Deutschland wird es nie kommen. Zu stark herrscht hier der Leitgedanke, dass niemandem etwas in den Schoß gelegt werden darf. Und ohnehin wären die Folgen zu ungewiss.

Ich bin wahrlich kein Anhänger des bedingungslosen Grundeinkommens. Doch ich mag den Gedanken, ja die Vision, die dahinter steckt. Nämlich, einer Arbeit nachzugehen, frei von Existenznöten, zu arbeiten und dabei zu wissen, wenn ich den Job verliere, falle ich nicht ins Bodenlose. Ich glaube tatsächlich, dass auch mit einer solchen Absicherung mehr Leute arbeiten würden als viele Experten annehmen. Denn die Sinnstiftung durch Arbeit, das Gefühl gebraucht zu werden, und die Freude, zusammen mit anderen etwas zu schaffen, sind wichtige Gründe einem Job nachzugehen und sie sind fernab der Motivation nur Geld verdienen zu wollen. Die Einstellungen zur Arbeit haben sich in den letzten Jahren in unserer Gesellschaft deutlich verändert. Ein Beweis hierfür ist für mich zum Beispiel der Erfolg des Bundesfreiwilligendienstes – gerade bei Älteren. Und viele Jobs werden ohnehin verschwinden aus Deutschland, gerade im produzierenden Bereich. Sie werden automatisiert oder verschwinden in andere Länder, weil es dort billiger geht.

Was ich jedoch besonders an der Vision mag, ist, dass mit einem solchen Einkommen, die zunehmende Spaltung der Arbeitsgesellschaft gestoppt werden könnte. Hier die gut verdienenden und qualifizierten, die es durch vermeintliche Leistung nach oben geschafft haben, und dort die vermeintlich Faulen und Dummen, die um Geld bitten müssen. Klar, gibt es bereits Hartz IV als Mindesteinkommen. Aber es ist eben nicht bedingungslos und macht Menschen zu Bittstellern.

Wie gesagt, mag ich die Vision dahinter, weil ich der festen Meinung bin, dass wir hierzulande etwas gegen (1) die wachsende (Alters-)armut, (2) die Spaltung der Gesellschaft und (3) den zunehmenden Pflegenotstand tun müssen. Der Pflegesektor könnte zum Beispiel profitieren durch einen Zuwachs bei den Ehrenämtlern.

Aber letztendlich kann man auch einfachere Reformen anpacken, die in die richtige Richtung gehen: eine möglichst kostenlose Bildung gehört für mich dazu, und ja, auch ein Mindestlohn. Doch dann müssten die Menschen auch verpflichtet werden, etwas für später zurückzulegen. Bevormundung wie beim Veggie Day? Ja, klar.

Arbeiten im Gelb

So stelle ich mir vor, wie Arbeit geht: An einem vorzeigbaren Herbsttag im Biergarten des Lindengarten sitzen, ein vorzeigbares Frühstück vor der Nase, ein bisschen Lesen, darüber nachdenken, ein bisschen Schreiben, darüber nachdenken und ansonsten den Blättern beim Gelbsein zu schauen. Wie das Gelb den Tag bestimmt!

Vielleicht kommt ja noch Wolfgang Herrndorf, der um die Ecke wohnt. Ich würde ihn nicht ansprechen. Es wäre einfach nur schön zu sehen, dass er da ist.

Der Anekdoten-Erzähler

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Was muss ein Mensch im Internetzeitalter eigentlich noch können? Auf jeden Fall mehr als nur Wissen anzuhäufen, das man auch im Netz finden kann, sagt Gunter Dueck. Der ehemalige Chief Technology Officer von IBM gilt als Vordenker der digitalen Welt. Vor einigen Wochen hatte ich an dieser Stelle über ein Treffen mit „Wild Duck“ geschrieben. Im Human Resources Manager ist nun der Artikel über ihn erschienen: der Anekdoten-Erzähler.