Archiv der Kategorie: Work-Life-Balance

Inspiration von außen

Gerade in Berlin entstehen mehr und mehr Coworking Spaces. Die sind nicht nur für Selbstständige interessant, sondern werden auch von vielen Unternehmen als Ort der Kreativität geschätzt. Eines  davon ist juggleHUB. Das Coworking Space bietet sogar zusätzliche Kinderbetreuung an. Mitgründerin Katja Thiede erzählt, wie die Idee entstanden ist.  Weiterlesen

Wir wollen gar nicht faul sein

Artikel, die unser kapitalistisches System kritisieren, häufen sich in letzter Zeit. So habe ich vergangenen Freitag im SZ-Magazin zum Beispiel das Interview mit der Soziologin Cornelia Koppetsch gelesen. Die Überschrift lautete: „Freiheit ist kapitalistischer Mainstream.“ Da dachte ich zuerst: Das hoffe ich doch, schließlich ist freies Unternehmertum die Basis unserer sozialer Marktwirtschaft. Allerdings bezog sich der Titel, wie ich dann herausfand, auf die Forderung der Arbeitgeber an die Arbeitnehmer eigenverantwortlich zu handeln. Was ich persönlich erst einmal gut finde, weil ich mich als mündig betrachte und selbstständig denken und handeln kann.

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Warum Work-Life-Balance so wichtig ist

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Ach, das ist von allen Diskussionen meine liebste. Vielleicht weil ich da so gänzlich andere Ansichten habe als viele andere aus der Karriere-/HR-Community. Immer wieder aufs Neue darf ich lesen, was der Begriff „Work-Life-Balance“ für ein Quatsch ist. Der Chefredakteur von „Hohe Luft“ Thomas Vasek hat ja dazu ein ganzes Buch und mehrere Artikel geschrieben. Ich habe meinen Kommentar dazu auf der Seite des Human Resources Manager veröffentlicht. Nun hat Sabine Gysi auf imgriff.com einen kurzen Beitrag unter der Überschrift „Warum viele Freizeit-Fanatiker unzufrieden sind“ verfasst. Es wird aber behauptet, dass der Begriff der „Work-Life-Balance“ schon vor Jahren für tot erklärt wurde. Vielleicht haben das ja Coaches und Blogger getan. In den meisten Unternehmen ist er gerade erst angekommen.

Zudem verweist Sabine Gysi auf einen Beitrag von Jochen Mai, der 5 Antithesen zur Work-Life-Balance verfasst hat. Und damit komme ich zum eigentlichen Anlass meines Beitrags hier. Vor einiger Zeit habe ich schon mal zu dem Thema mit ihm diskutiert. Und obgleich ich sein Portal sehr schätze, finde ich Beiträge, die ein vermeintliches Tabu brechen, indem sie uns klar machen wollen, dass Arbeit und Leben gar keine Gegensätze sind, zwar durchaus inspirierend, aber leider wirklichkeitsfremd. Zumal sie in der Regel von Leuten kommen, die als Selbstständige arbeiten beziehungsweise seeeehr viel Freiheit in ihrem Job haben. Ja, ich muss sagen, Texte im Publikumspublikationen wie der Zeit oder dem Spiegel zum Thema Burnout sind für mich eher am Puls der Zeit als Appelle doch endlich die Arbeit zu umarmen. Ganz schrecklich fand ich zum Beispiel Thomas Vaseks Aussage, das Burnout-Gejammer sei nicht auszuhalten. Dazu hab ich mal eine Frage: geht’s noch? Das verhöhnt ja die Menschen, die wirklich leiden.

Da Listen und Thesen so beliebt sind, will auch ich zu dem Thema mal welche verfassen. Sie sollen einen anderen Blick auf die Diskussion werfen.

  1. Ja, Arbeit gehört zum Leben. Dennoch ist der Begriff wichtig
    Das ist eine Binse. Der Begriff Work-Life-Balance mag ja unglücklich gewählt sein. Okay. Trotzdem ist er wichtig, weil er darauf abzielt, dass der Mensch (wenn er denn will) mehr ist als seine Arbeit. Nämlich ein Wesen mit Familie, Freunden, Hobbys, einem Ehrenamt etc. All das macht den Einsatz von Ressourcen nötig und da meine Kraft und die Zeit begrenzt sind, muss ich eine für mich akzeptable Balance des Ressourceneinsatzes hinkriegen. Das Leben ist, wie Jochen Mai zurecht sagt, nur schwer planbar. Schnell entstehen neue Situationen, muss ich an einem Tag lange arbeiten, 12 oder 14 Stunden, muss mein Kind aus der Kita abgeholt werden, weil es krank ist. Man muss heute extrem flexibel sein. Doch wie sieht meine Balance zum Beispiel am Ende des Jahres aus, wenn ich einen Strich unter meine Ressourcenverwendung ziehe? Hier will ich eine ausgewogene Balance sehen: zwischen Job (macht mir Spaß, aber anstrengend), Familie (macht mir Spaß, aber anstrengend) und Hobbys (machen mir Spaß). Ich identifiziere mich mit meinem Job, aber eben auch mit meiner Rolle als Vater und meinen anderen Leidenschaften. Ich bin viel (und nicht nur meine Arbeit).
  2. Mal völlig weg vom Job zu sein, ist nötig, um sich zu erholen und gut, um neue Ideen zu sammeln
    Das ist natürlich subjektiv. Mein Job macht mir Spaß, ist aber anstrengend, weshalb ich Erholungsphasen brauche. Das Wochenende und Urlaub sind dafür wichtig. Zudem bekomme ich die besten Ideen, wenn ich mich mit gänzlich anderen Themen beschäftige als mit Journalismus und HR. Man kann eine neue Perspektive einnehmen, die man vorher nicht wahrgenommen hat, weil man zu dicht dran war. Die Arbeitsglorifizierer wie Thomas Vasek brauchen natürlich keine Erholungsphasen. Er arbeitet zum Beispiel „am liebsten an Wochenenden oder im Urlaub, da habe ich die meiste Zeit.“ Klingt super. Aber so ganz out of space scheine ich mit meiner Meinung noch nicht zu sein, wenn selbst Kasper Rorsted persönlich den Samstag zu seinem E-Mail freien Tag erklärt hat.
  3. Viele Jobs sind unsexy und machen keinen Spaß
    Die Leute, die „Work-Life-Balance“ für tot erklären, betonen immer wieder, wie viel Freude ihnen die Arbeit macht. Aber es gibt eine Menge Leute, denen geht das überhaupt nicht so. Deren Aufgabe ist vielleicht monoton oder körperlich sehr anstrengend. Oder sie sind Lehrer. Das ist nämlich, wie man jetzt in der SZ lesen konnte, ein Höllenjob. 30 Prozent der Lehrer und Erzieher leiden unter Burn-out und Erschöpfung. Ach so, Entschuldigung, Thomas Vasek kann das Gejammer über Burn-out ja nicht mehr hören. Nun könnte man einwenden, niemand ist gezwungen, einen Job zu machen, der ihm keinen Spaß macht. Er oder sie sollte sich eine neue Aufgabe suchen. Das mag auf einige zutreffen. Andere schleppen sich jedoch trotzdem zu einem Job, der sie quält, weil sie Angst vor Veränderung haben oder Arbeitslosigkeit. So mobil, wie uns viele weiß machen wollen, sind die meisten Arbeitnehmer halt nicht. Weil sie nicht umziehen können oder wollen, weil sie bestimmte Qualifikationen nicht haben etc. Diese Realität muss man anerkennen.
  4. Die meisten Beschäftigten arbeiten in Organisationen und die können die Hölle sein
    Das ist für mich der wichtigste Punkt. Denn die wenigsten sind selbstständig. In der Regel arbeitet man mit Kollegen, hat einen Chef etc. Und je größer die Organisation, desto größer manchmal der Wahnsinn. Mir hat mal ein Manager eines Konzerns gesagt (nicht HR): „50 Prozent meiner Zeit verbringe ich mit absolutem Schwachsinn, schwachsinnigen Meetings und Reportings.“ Hinzu kommt vielleicht noch die tägliche Auseinandersetzung mit einem unfähigen Chef. Bekanntlich kommen häufig immer noch die in Führung, die zwar fachlich top, aber menschlich eine Katastrophe sind. Jochen Mai würde sagen, das ist ein Führungsproblem und hat nichts mit dem Thema zu tun. Aber von was reden wir dann? Wenn man das nicht berücksichtigt, bleibt die Diskussion ja völlig abstrakt. Arbeit ist eben mehr als die Aufgabe, Arbeit findet in der Regel in Organisationen statt, in der Interaktion mit anderen. Und das kann sehr anstrengend sein.
  5. Die Beschleunigungsökonomie ist eine Gefahr für die Gesundheit
    In den Konzernen wird in immer kürzeren Abständen restrukturiert. Das bringt für die Beschäftigten immer gewisse Unsicherheiten mit. Das gehört heute zum Joballtag. Zu diesem gehören auch Zielvereinbarungen, die immer ehrgeiziger festgesetzt werden. Das erzeugt Druck. Hinzu können Beurteilungssysteme kommen, die den Wettbewerb unter den Angestellten forcieren (zum Beispiel Forced Distribution). Der Druck auf die Konzerne kommt von den Märkten und den Anteilseignern. Globalisierung und Digitalisierung verschärfen den Wettkampf der Unternehmen, das wird an die Beschäftigten weitergegeben. Das ist es, was für viele Menschen Arbeit heute bedeutet. Und das muss man zumindest anerkennen. Natürlich gibt es Unternehmen, wo die Zufriedenheit hoch ist, die eine gesunde Unternehmenskultur haben und eventuell werden die mit dem wachsenden Mangel an Fachkräften mehr werden. Aber erstens, betrifft dieser Mangel nur ein kleine Anzahl an Berufsgruppen, und zweitens wird der Druck in Zukunft trotzdem nicht weniger werden, auch wenn die Digitalisierung an Bedeutung gewinnt. Gerade in der IT-Industrie, die so wichtig wird, wird ja besonders häufig über Erschöpfung geklagt. Das ist, meiner Meinung, immer noch das große Thema. Und nicht, ob man Arbeit und Leben als Gegensatz sieht oder nicht.
  6. Wenn die Erholungsbedürftigkeit nicht anerkannt wird, droht die Ausnutzung der Beschäftigten
    Ja, auch ich kann ohne Arbeit nicht leben. Arbeit als sinnerfüllende Tätigkeit, die dem Alltag Struktur gibt, wird im Übrigen von den meisten anerkannt. Selbst wenn sie keinen Spaß macht, ist sie für den Einzelnen dennoch wichtig, weil er oder sie eine Aufgabe hat. Das ist auch einer der Gründe, warum man Arbeitslose überhaupt in Arbeit bringen will. Nicht nur, damit sie der Gemeinschaft nicht zur Last fallen, sondern weil eine Aufgabe und das Gefühl gebraucht zu werden, auch eine gesellschaftsstabilsierende Funktion hat. Ich bin trotz allem kein Freund von „9 to 5“. Ich bin ein Freund von „9 to 8“ und „9 to 2“, will sagen: ich will Flexibilität in beide Richtungen. Und natürlich machen es manche Projekte nötig, dass man mal länger arbeiten muss, wer dann um 5 den Stift fallen lässt, ist wenig loyal. Wenn aber irgendwann in unserer Gesellschaft gelten sollte, dass Arbeit nur noch Erfüllung bietet, uns bereichert und Kraft gibt und Erholung quasi gar nicht mehr nötig ist, dann kommen wir in eine gefährliche Entwicklung, weil der Rechtfertigungsdruck auch außerhalb der 40 Stunden in der Woche zu arbeiten, größer wird. Jeder (vor allem jeder Selbstständige) soll das natürlich selbst entscheiden. Aber wenn alle meine Kollegen gerne Arbeit mit nach Hause nehmen, bin ich in Zugzwang, denn die Arbeit belastet ja nicht, sie macht Spaß. Und was Spaß macht, macht man gerne (auch am Wochenende).Als ich in meinen jungen Jahren Lokalreporter war (und das sehr gerne), habe ich in der Woche etwa 60 Stunden gearbeitet, war drei Mal in der Woche bis spät abends auf Gemeinderatssitzungen. Das haben alle so gemacht. Heute würde ich sagen: totaler Wahnsinn. Der Job hat mir Spaß gemacht, aber es war einfach zu viel und ich konnte meinen Sohn zu wenig sehen. Die Work-Life-Balance hat nicht gestimmt.

Heute sehe ich ihn öfter. Und den zweiten auch, denn ich bin gerade in Elternzeit (Balance!) und arbeite so gut wie gar nicht, aber ich habe super viele Ideen.

Arbeiten im Gelb

So stelle ich mir vor, wie Arbeit geht: An einem vorzeigbaren Herbsttag im Biergarten des Lindengarten sitzen, ein vorzeigbares Frühstück vor der Nase, ein bisschen Lesen, darüber nachdenken, ein bisschen Schreiben, darüber nachdenken und ansonsten den Blättern beim Gelbsein zu schauen. Wie das Gelb den Tag bestimmt!

Vielleicht kommt ja noch Wolfgang Herrndorf, der um die Ecke wohnt. Ich würde ihn nicht ansprechen. Es wäre einfach nur schön zu sehen, dass er da ist.

Bauchschmerzen

Bekanntlich arbeiten die Kommunen mehr oder weniger fleißig am Krippenausbau. Noch knapp ein Jahr, dann haben Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz in einer Krippe. Die meisten freut’s wohl. Laut einer Befragung im Auftrag des Bundesfamilienministeriums halten 75 Prozent der Deutschen den geplanten Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für Kinder ab einem Jahr für eine gute Sache. Das ist eine satte Mehrheit.

Der Ausbau soll vor allem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie dienen. Gleichzeitig fördert das Bundesfamilienministerium das Angebot von betrieblichen Betreuungsplätzen. Mehr und mehr Unternehmen tun selbst viel dafür, ihre Angestellten zu unterstützen, wenn es um die Betreuung der Kinder geht.  Entweder sie eröffnen selbst eine Kita oder sie zahlen zum Beispiel Zuschüsse, die sogar sozialversicherungs- und steuerfrei sind – eine Anti-Herdprämie sozusagen. Das bekannteste Beispiel ist Siemens, die 100 Euro pro Monat zahlen beziehungsweise 500 Euro bis zu 14 Monate nach der Geburt, wenn junge Eltern dafür schnell zurück in den Beruf kommen und Teilzeit arbeiten.

Was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie angeht, hat sich also die Stimmung in den vergangenen Jahren enorm gedreht – Betreuungsgeld hin oder her. Und auch wenn der Krippenausbau nicht so vorankommt, wie geplant. Die Entwicklung ist eindeutig. Ich persönlich finde das richtig, nicht unbedingt wegen des vielzitierten Fachkräftemangels, sondern weil ich denke, dass Frauen (und die betrifft es ja in erster Linie) die Möglichkeit bekommen sollten, möglichst bald in den Beruf zurückzukommen.

Und doch habe ich manchmal Bauchschmerzen. Meine Angst ist, dass viele Eltern ihre Karriere über das Wohl ihres Kindes stellen – ohne Absicht.  Zuschüsse vom Arbeitgeber und der verzweifelte Ruf: „Wir brauchen Sie“ verstärken eventuell die Bereitschaft, das 1-jährige Kind den ganzen Tag in der Krippe zu lassen.

Ich würde das alles gar nicht schreiben, wenn ich nicht neulich mit einem Bekannten darüber gesprochen hätte, der als Erzieher in einer super-modernen Kita in Berlin-Mitte arbeitet. Da kostet die Betreuung pro Monat 500 Euro und mehr. Er erzählte, dass er teilweise an der Gleichgültigkeit der Eltern gegenüber der Betreuung ihrer Kinder verzweifelt und dass er es nicht verstehen könne, wenn – wie es in der Kita geschieht – Eltern ihr zweijähriges Kind von 7 bis 17.30 Uhr in der Kita lassen, damit es dann von der Babysitteren abgeholt wird. Ich will kein Moralapostel sein, aber es macht mich irgendwie traurig.

Männer und Frauen sollten auch den Mut haben, Teilzeit einzufordern, bei allem Verständnis für den Wunsch zu arbeiten. Es kommt auf die Balance an. Studien zeigen, dass es den kleinen Kindern nicht schadet, wenn sie frühzeitig fremdbetreut werden in einer Kita. Es hat sogar einen positiven Einfluss auf den späteren Bildungsweg. Ich finde halt nur einfach, dass so kleine Kinder ihre Eltern brauchen – und das mehr als eins bis zwei Stunden am Tag.