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Unterschiedliche Realitäten

Heute möchte ich mal auf ein interessantes Interview in unserem Magazin Human Resources Manager verweisen, und zwar mit dem Arbeitszeitexperten Gerhard Bosch, Geschäftsführender Direktor des Instituts Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen. Er spricht darin über die unterschiedlichen Realitäten in Sachen Zeitwohlstand. Auf die Frage, ob die starren Arbeitszeitformen an ihr Ende kommen, sagt er zum Beispiel:

Das ist eine Mär, dass wir überhaupt noch starre Arbeitszeiten haben. Ich kenne die gar nicht mehr. In den Betrieben hat eine stille Revolution stattgefunden, die viel weitergeht als das in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Es gibt in hohem Maße flexible Arbeitszeiten. Und ab und an wird das sogar bis zum Exzess getrieben, mancher arbeitet ohne Ende und der Termindruck wird auf die Beschäftigten abgewälzt.

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Wir haben unterschiedliche Realitäten in Deutschland, was den Zeitwohlstand angeht: Wir haben sozusagen Villenviertel und Elendsviertel. Auf der einen Seite haben Sie Mitarbeiter – häufig in großen Betrieben –, die von flexiblen Arbeitszeitmodellen, verbunden mit einem guten Gehalt, profitieren. Diese Beschäftigten können sich die Flexibilität erlauben, weil sie auch mit kürzeren Arbeitszeiten über die Runden kommen. Das ist beispielsweise häufig so bei Banken, Versicherungen und im öffentlichen Dienst. Da hat sich viel getan. Man versucht Mitarbeiter unter anderem über flexible Arbeitszeiten zu binden und zu locken.
Auf der anderen Seite haben wir Bereiche, in denen der Kostendruck und die Kurzfristigkeit enorm sind und die Beschäftigten im Grunde keine geregelten, sondern schlicht sehr lange Arbeitszeiten haben. Umso länger man allerdings arbeitet, desto unflexibler wird das Zeitkorsett.

Office 21

„Arbeite dort, wo du willst“, sagt der von mir sehr geschätzte Fraunhofer-Präsident Hans-Jörg Bullinger. Da ist bei den meisten heute eher der Wunsch der Vater des Gedanken. Zukünftig wird das aber anders. Das Handelsblatt (Online) widmet dem Büro der Zukunft einen Artikel: Arbeitsplatz der Zukunft: bunter, flexibler=kreativer?

Die Individualität soll aber künftig nicht bei der Wahl des Platzes in den firmeneigenen Büroräumen aufhören. Es werde daher öfter heißen „Arbeite dort, wo du willst“, sagt Bullinger – das könne im Büro, beim Kunden oder zu Hause sein.Treiber sind dabei die neuen Technologien: Die Arbeitswelt folgt den neuen Möglichkeiten der mobilen Kommunikation und der mobilen Datenverarbeitung.

Erwähnt wird das Office 21, ein Forschungsprojekt der Fraunhofer-Gesellschaft, genauer gesagt, des Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation. Dabei geht es um die Frage, wie sich Büro- und Wissensarbeit entwickeln werden. Beispielsweise werden Kooperation und Kreativität in der Wirtschaftswelt noch wichtiger. Wie können die Gestaltung der Büroarbeit und die Nutzung moderner Technologien solchen steigenden Anforderungen gerecht werden? Das alles ist hochspannend.

Hier die Seite zum Office 21 des IAO.

Das Ende des Schreibtisches im Büro

Wie wir arbeiten, wo wir arbeiten – all das ist im Wandel. Und dieser Wandel wird getrieben von den technologischen Möglichkeiten: Home Office und das mobile Arbeiten werden mehr und mehr akzeptiert.

Die Arbeit emanzipiert sich vom Arbeitsplatz. Das gilt natürlich in erster Linie für Wissensarbeiter. Wer mit dieser Freiheit umgehen kann, ist klar im Vorteil. Die Entwicklung, so die Experten, wird auch von der neuen Generation, der Generation Y, gewollt. „Sie lassen sich nicht an die Schreibtische ketten“, wie der Publizist Tim Cole sagt.

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Die Frage ist, was bedeutet das langfristig für die Arbeitsverhältnisse, wenn die Arbeitgeber weniger Kontrolle ausüben und mehr vertrauen müssen, wenn nur das Ergebnis zählt? Stirbt irgendwann das Normalarbeitsverhältnis, die feste Anstellung aus?

Ich glaube nicht, dass die Unternehmen, solch ein Outsourcing für ihre wichtigsten Mitarbeiter anstreben. Weil Menschen und deren Wissen und Können eben die entscheidenden Ressourcen sind für den Unternehmenserfolg und die, so sagen es die Prognosen, werden in Zukunft aufgrund des demografischen Wandels knapp. Da will man möglichst viel Einfluss behalten. Aber auch wenn Firmen durchaus ihre Flexibilität vergrößern wollen, ist vielmehr die entscheidende Frage: Was wollen die richtig guten Mitarbeiter? Mehr Freiheit? Raus aus dem hierarchischen Turm? Wahrscheinlich nur, wenn die Karriere stockt oder man generell keine Lust hat, sich einbinden zu lassen.

Wenn wir ein Volk von Freien werden, was Cole für möglich hält, dann ist das sicherlich auch nicht für jeden Wissensarbeiter eine begrüßenswerte Entwicklung. Denn wer sich selbst nicht schützen kann, vor der eigenen Ausbeutung oder einem harten Konkurrenzkampf, der kann dann auch nicht mehr den möglichen Schutz eines Vorgesetzten in Anspruch nehmen.

Ich bin mir aber sicher, dass Arbeit flexibler wird und die Menschen das einfordern werden, unabhängiger zu sein, von Ort und Zeit.  Es sind spannende Zeiten.