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Die Armut hat viele Gesichter

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Es klingt erstrebenswert: In der Arbeit Erfüllung finden, das tun, was einem Spaß macht, etwas,  hinter dem man steht, ausprobieren und gleichzeitig frei sein, nicht eingezwängt in einer Hierarchie. Mit anderen Worten: Ideale haben und sein Leben danach ausrichten, Arbeit inbegriffen.  Viele der heute 30- bis Mitte 40-Jährigen, die in der Großstadt leben und sich den Kreativen zugehörig fühlen, gehen diesen Weg und manchen geht es richtig gut – materiell gesehen – für viele jedoch ist es der pure Kampf ums Überleben – die blöde Sache mit dem Geld, die ganzen Rechnungen, Essen, Trinken, mal Weggehen.

Katja Kullmanns Buch Echtleben erzählt, wie schwer das ist mit der Selbstverwirklichung. Armut hat heute viele Gesichter und sie zeigt sich eben auch bei Akademikern, nicht selten haben sie Geschichte, Germanistik oder Kommunikationswissenschaften studiert und arbeiten nun als freischaffende Irgendwas, häufig irgendwas mit Medien. Sie sind Publizisten, Schauspieler, Berater, etc. Vor allem sind sie Überlebenskünstler, die keine Lust haben, sich solange selbst zu optimieren, bis sie 1a für den Arbeitsmarkt geeignet sind. Sie wollen ja sowieso frei sein, wenngleich das, was sie anbieten, eine Menge andere ebenfalls anbieten.

Sie hangeln sich von Projekt zu Projekt, warten auf Aufträge und darauf, dass der Auftraggeber endlich bezahlt. Es geht hoch und runter und ab und an sitzt man bei der ARGE und hört von der Sachbearbeiterin: Sie brauchen sich nicht zu schämen (Von ihrem ersten Arbeitsagentur-Besuch erzählt Kullman sehr schön in ihrem Buch).

Der Preis der Freiheit, er kann sehr hoch sein. Vor allem, wenn man sich partout „nicht verbiegen“ will. Im Kontrast zu dieser Schonungslosigkeit von Kullmann stehen Bücher wie Meconomy von Markus Albers.

Auch Albers will die Freiheit, keinen Meetingterror und keine Fremdbestimmung mehr. Doch er betont die Chancen der Selbstständigkeit, ein durch und durch optimistisches Buch.

Er sagt, es gibt sowieso keine Sicherheiten mehr und es lohnt sich Risiken einzugehen und sein eigenes Ding zu machen, wenn man eine wahre Leidenschaft hat. Aufgrund der neuen Kommunikationstechniken war die Gelegenheit nie günstiger. Doch man muss sich als Marke positionieren, Personal Branding betreiben. So ganz ohne verbiegen wird das sicherlich schwierig.